Armenopolis – de rebus armenorum – published a Translation of the 8th Chapter of „The Book of Whispers”. Ubersetzung von Christa Nitsch.
Foto: Scoala Rubens – Coborarea de pe cruce, aflata in Catedrala armeana din Gherla (Armenopolis).
JUSUFS GESCHICHTE.
Erstellt am August 20, 2010 von christanitsch
Das Buch der geflüsterten Worte
© Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.
Aus dem 8. KAPITEL (Povestea lui Yusuf): S. 349-380.
(. . .)
DIPSI. DER FÜNFTE KREIS. Unter gewöhnlichen Umständen konnte man die Entfernung zwischen Meskene und Dipsi zu Fuß in etwa fünf Stunden zurücklegen. Der Zug der Deportierten hatte aber dafür mehr als zwei volle Tage nötig. Ihre Schritte begegneten das erste Mal sandigen Gegenden, die die Nähe der Wüste ankündigten.
Die Wagen, welche die Toten und Sterbenden aufgelesen hatten, begleiteten sie nicht mehr. Manchmal warteten die Totengräber, welche die Leichen einsammelten, dass der Sand von Windstößen aufgewirbelt werde und er die aufgestapelten nackten und bereits schwarz angelaufenen Körper bedecke. Doch verliefen diese zwei Tage, die sie unterwegs waren, äußerst ruhig. Der Himmel hatte sich gelichtet und die Winde hatten sich gelegt. Die Leichen blieben verstreut am Wegrand zurück. Ein Großteil war von wilden Tieren zerrissen worden. Darunter gab es Sterbende, Frauen und Männer, erschöpft von Müdigkeit, Hunger und Durst, Kinder, die nicht wussten, wie ihnen geschah, und an Steine oder ausgetrocknete Baumstämme angelehnt ihren Tod erwarteten. Diese verzweifelte Mühe im Sitzen zu verharren war die letzte Anstrengung, mit der sie gegen den Tod ankämpften, da der Sand sie sonst, am Wegrand hingestreckt, bedeckt und schließlich erstickt hätte.
Das Lager, das aus mehreren tausend Zelten bestand, wurde am rechten Ufer des Euphrat in einem Tal errichtet. Diejenigen, die den Lagerplatz bestimmt hatten, waren davon ausgegangen, dass es, umgeben von Hügeln, dem ständigen Geruch des Todes und jenen scharfen Ausdünstungen der Dysenterie und des Fleckfiebers weniger ausgesetzt sei. Da der Weg zwischen Meskene und Dipsi kürzer war als jener zwischen Bab und Meskene, hatte der Gouverneur von Aleppo in den Zwischenstationen diesmal keine Unterkünfte für die Sterbenden eingerichtet, die er in einer euphemistischen Laune Hastahane, Krankenhaus, hatte taufen lassen. Der Erschöpfungszustand jedoch, in dem die Menschentrecks nach zwei Tagen auf sandigem Weg und in engen Gebirgspässen eintrafen, bewirkte, dass das ganze Lager von Dipsi Hastahane genannt wurde. Und es verdiente diesen Namen, da in ihm in den wenigen Monaten, in denen es als Konzentrationslager funktionierte, mehr als dreißigtausend Menschen ums Leben kamen.
Dem sogenannten Krankenhaus waren überhaupt keine Medikamente zugeteilt worden und fachliche Betreuung konnte allein von jenen armenischen Ärzten unter den Deportierten gewährleistet werden, welche bis hierher überlebt hatten. Doch auch sie vermochten nichts weiter zu tun, als die Krankheit, wenn diese noch nicht ausgebrochen war, zu benennen und die Tage bis zum voraussichtlichen Tod zu berechnen. Das Lager von Dipsi war eine der schrecklichsten Einweihungsstufen in den Tod, und zwar nicht so sehr aufgrund der großen Zahl jener, die hier ihr Leben gelassen hatten, als vielmehr aufgrund der viel beträchtlicheren Zahl derer, die sich da mit den Krankheiten angesteckt hatten, an deren Folgen sie später sterben sollten, später, auf ihrem Wege nach Deir-ez-Zor, dort wo schließlich auch das siebte Kleid des Todes fiel.
Es war März geworden. Die Regenfälle hatten aufgehört. Dann und wann, gegen Abend oder im Morgengrauen, verdichtete sich ein Wolkenvorhang. Von den Deportierten wäre der sich jetzt einstellende Frühling wohl unbemerkt geblieben: sie blickten immer seltener um sich und auch wenn sie es taten, so nur in Angst und Bangen, aufgescheucht vom Lärm sich nähernder Pferdehufe oder den Flinten und dem Gejohle der Beduinen. Sie blickten zumeist nach unten. Und dabei entdeckten sie den Frühling. In der Gegend von Abuhahar, Hamam, Sebka und Deir-ez-Zor, wo die Bäume immer seltener wurden, kam der Frühling unerwartet, er kam, wenn die dünnen und langen Halme der Grasbüschel zu grünen begannen. Anfangs wussten sie nicht, wie man sie essen könnte. Ihr Zahnfleisch blutete von den scharfen Grasrändern und sie verschluckten sich, wenn sie an den faserigen Halmen kauten. Schließlich aber erlernten sie von den geschicktesten und geduldigsten unter ihnen das Kunststück, Gras zu essen. Die Halme mussten in der Hand dicht zusammenpresst werden und man streute etwas Salz darüber, damit das Grasbüschel Feuchtigkeit absondere. Dieses wurde nicht auf einmal zerkaut, sondern zunächst mit dem Speichel, soviel desselben im ausgetrockneten Mund gesammelt werden konnte, aufgeweicht, und dann wartete man einige Minuten, bis der hungrige Mund es in eine Art Brei verwandelt hatte, der wie gekocht schmeckte. Als es auch keine Gräser mehr gab, riss Rupen die Graswurzeln aus der Erde und wusch sie im Wasser des Euphrat. Er zerschnitt sie in kleine Stücke, die, in Wasser eingeweicht, nach einigen Stunden verzehrt werden konnten.
Es regnete nicht. Und doch war der Himmel glanzlos. Die Nähe der Wüste ließ eine Art erstickenden Dunst entstehen, den der vom Wind aufgewirbelte Staub noch verdichtete. Hunde und Wölfe blieben zurück, doch waren an ihrer Stelle die Hyänen erschienen. Sie konnte man nicht so leicht fangen, weil sie flinker waren und mit der Trockenheit der Wüste wohlvertraut. Auch waren ihre Kadaver unauffindbar: wenn sie ihr Ende nahen fühlten, zogen sie sich in die Einöde zurück, aus der sie aufgetaucht waren. Übrig blieben die Raben, die man nur schwer erlegen konnte, da sie im perlmuttfarbenen Dunst von der leeren Luft, durch die keine Vögel flogen, nicht mehr zu unterscheiden waren. Und auch zwischen ihnen, den weißen und den schwarzen Engeln, hatte jeglicher Unterschied aufgehört.
Durch die giftigen Ausdünstungen, aber auch durch die türkischen Soldatenpferde, die im Umkreis des Lagers weideten, verkümmerte das Gras zusehends, und so beschlossen Hermine und Rupen nach sorgenvoller Beratschlagung, Sahag in die Gruppe der Kuriere aufnehmen zu lassen.
Meine Großväter, Garabet Vosganian und Setrak Melichian, hatten in den Stunden ihrer Einsamkeit nie Lieder der Deportation gesungen. Genauso wenig die anderen alten Armenier meiner Kindheit. Die Gedichte, die ich als Kind las, die Lieder, denen ich lauschte, erinnerten vor allem an die Fedayin, die in den Bergen gekämpft hatten, und nicht an die Massaker und Deportationen. Schweigend waren die Menschenzüge die Einweihungsstufen zum Tod hinabgestiegen. Vielleicht, weil der innere Schmerz zu groß war, um auch nur das Geringste nach außen dringen zu lassen. Vielleicht, weil sie nicht mehr glaubten, dass es danach noch etwas gäbe.
Doch selbst wenn nichts nach außen drang, so schrieben die Deportierten für sich doch einiges auf. Die schriftlichen Zeugnisse, die aus den sieben Kreisen des Todes überliefert sind, wurden auf den Straßen der Deportation verfasst, überall, wo sich ein Stück Holz, ein Kilometerstein, ein Baumstamm mit weicher Rinde, eine Mauer finden ließ. Lange Zeit noch, bis schließlich Regenfälle sie wegwuschen und Winde sie auslöschten, blieben armenische Worte und Buchstaben in Holz und Stein eingeritzt und eingegraben. Diejenigen, die vorbeizogen, ließen den Nachkommenden auf diese Weise Nachricht zukommen. Und diese, war noch etwas Platz vorhanden, fügten ihre eigenen Worte hinzu. In den Deportationslagern machten Papierfetzen die Runde, die einer dem andren weitergab. Weil man die Repressalien fürchtete, waren sie nicht unterzeichnet und mit keinem Datum versehen. Das war nicht notwendig. Die Wirklichkeit, mit Ausnahme des Schnees, der sich in Schlamm verwandelte und des Morasts, der sich in verirrten Staubwolken verflüchtigte, war unveränderlich.
Die Botschaften beschrieben die Lebensumstände eines jeden Todeskreises. Kuriere brachten sie von Lager zu Lager. Diese Boten wurden unter jungen Burschen ausgewählt, die flink genug waren, um sich ohne gesehen zu werden an den Wachposten vorbei zu stehlen. Und damit sie kräftig genug wären, die bevorstehenden Strecken so schnell wie möglich zurückzulegen, gab man ihnen auch Proviant mit. Einige kehrten nicht mehr wieder, sei es, weil sie in eine der weiter vorne befindlichen Kolonnen eingereiht wurden, so dass sich auf diese Weise ihr Todesweg verkürzte, sei es, weil sie unterwegs getötet worden waren. Aus diesem Grund meldeten sich die Kuriere immer freiwillig oder wurden aus den Reihen der Waisenkinder ausgewählt. Selten nur erklärten sich Eltern bereit, sich auf solchem Wege von ihren Kindern zu trennen. An diesem Ende der Todeskolonnen war es Krikor Ankut, der die Entscheidungen traf. Der ihm vom anderen Ende her, aus Deir-ez-Zor, antwortete und diese Aufgabe bis zum Augenblick versah, in dem er nach Erleiden unvorstellbarer Foltern getötet wurde, war Levon Schaschjan.
Krikor Ankut maß den Burschen mit dem Blick, versuchte ihn umzustoßen, indem er ihm mit der Handfläche über den Brustkorb schlug, doch fand Sahag die Kraft, aufrecht stehen zu bleiben und fiel nicht um. Da entschied der Mann, dass der Junge geeignet wäre. Der Weg nach Deir-ez-Zor nahm etwa sechs Tagemärsche in Anspruch, da aber die Kuriere vorzugsweise des Nachts unterwegs waren, um sich tagsüber in den Kuhlen der Uferböschung zu verbergen, dauerte er hin und zurück gute zwei Wochen. Sahag erfuhr den Namen des Kontaktmannes im Deportationslager von Rakka, der ihm den Proviant für die Strecke bis Deir-ez-Zor übergeben sollte. Rupen und Hermine standen abseits und sahen von ferne zu, ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können, ob ihre Entscheidung dem Sohne später helfen oder schaden würde. Irgendjemand war als Wächter vor dem Zelt aufgestellt worden, während ein anderer ein mit Wasser gefülltes Gefäß brachte. Hermine wusch Sahags Rücken sorgfältig; danach legte sich der Junge, das Gesicht nach unten gewandt und die Arme seitlich vom Körper abgespreizt, auf den Boden. Krikor Ankut tauchte die Feder ins Farbfässchen und begann langsam auf die Haut des Jungen zu schreiben: er bedeckte seinen Rücken bis zum Steißbein mit großen und zumeist auf ihre Grundlinien reduzierten Schriftzeichen. Er beeilte sich, denn er wollte die Haut des Jungen, der ohne mit der Wimper zu zucken das Kratzen der Feder ertrug, nicht über die Maßen aufschürfen. Erleichtert wurde seine Arbeit durch die Tatsache, dass sich die Haut über die bloßen Knochen spannte. Einige Zeit noch blieb der Junge bewegungslos, damit die Farbe trocknen konnte. Danach vermischten sie in einer Schale etwas Erde und Wasser, kneteten einen dünnen Lehm daraus und bedeckten damit seine Schultern. Auf diese Weise, lehmverschmiert, war er nur wenig schmutziger als vorher. Man fragte ihn, ob er schwimmen könne, worauf er antwortete, er sei am Ufer des Bosporus aufgewachsen. Danach zeigte ihm Krikor mit dem Finger im Sand zeichnend den Weg nach Deir-ez-Zor. „Du gehst nachts. Entlang des Euphratufers und entfernst dich nicht von ihm. Wenn du merkst, dass ein Entrinnen unmöglich wird, springst du ins Wasser und hältst dort so lange aus, bis die Farbe aufgeweicht und abgewaschen ist. Sie müssen nicht wissen, was da geschrieben steht. Und genauso auf dem Rückweg. Vor allem auf dem Rückweg.“
Hermine nahm den Proviant für den Jungen entgegen. Sie behielt für seine kleine Schwester je eine Handvoll Weizen- und Reiskörner, dann umarmte sie ihn und er verschwand in der Nacht. Sie sagten einander nicht Lebewohl. Inmitten des allgegenwärtigen Todes lernten sie diesen als unumgängliche Wirklichkeit akzeptieren und hatten deshalb längst schon voneinander Abschied genommen.
Sahag befolgte die Anordnungen gehorsam. Er teilte seinen Proviant ein, hungerte drei Tage, blieb aber in Rakka nicht stehen, weil er befürchtete, diesen Ort nicht mehr verlassen zu können. In Deir-ez-Zor angekommen, suchte er Levon Schaschjan auf. Dieser wischte die Lehmschicht ab und las Krikor Ankuts Botschaft. Daraufhin reinigten sie ihn, um ihm neue Buchstaben auf den Leib zu schreiben, und breiteten wiederum eine aus Schlamm und Asche vermengte Schutzschicht über seinen Rücken. Bei seiner Ankunft reichte ihm Krikor Ankut zunächst eine Holzschale mit Wasser und eine Handvoll Bulgur. Er beauftragte die Frauen, ihn zu säubern und als er gelesen hatte, verlangte er, allein gelassen zu werden. Eigenhändig entfernte er die Schriftzeichen vom Rücken des Knaben, umarmte ihn und sagte: „Erzähle niemandem von dem, was du in Deir-ez-Zor gesehen hast. Die meisten werden es dir ohnehin nicht glauben und so nützt es dir nichts. Kehre zu deinen Eltern zurück.“ Als sie ihn erblickte, schloss Hermine ihren Sohn in die Arme und begann zu weinen. Sie weinte nicht so sehr vor Freude als vielmehr aus Mitleid.
Mitte April wurde das Lager von Dipsi aufgelöst und die letzten Kolonnen brachen entlang des Euphratstromes auf. Das Lager war von Soldaten und berittenen Gendarmen umzingelt worden. Mit Knüppeln und Karbatschen waren sie über die Zelte hergefallen, hatten die notdürftigen Schlafstätten aufgewühlt und die Menschen an den Rand gedrängt, wo sich allmählich die Marschkolonnen bildeten. Als alle, die sich aufrecht halten und mit den Pferden im Gleichschritt laufen konnten, die Zelte verlassen hatten ohne dabei auf die Sterbenden Rücksicht nehmen zu können, wurde der Aufbruchsbefehl erteilt. Nach etwa einer Stunde, in der sie den Hügeln entgegengegangen waren, richteten die Verschleppten den Blick noch einmal zurück auf das Krankenhaus-Lager Dipsi und sie sahen von dort einen dicken Rauch aufsteigen. Die Zelte hatte man mit Benzin besprengt und dann waren sie angezündet worden. Farbe und Form der Rauchsäulen wiesen sie unmissverständlich darauf hin, dass zusammen mit dem Zelttuch auch menschliche Körper brannten, ausgetrocknete oder noch feuchte, die Sterbenden, alle ohne Unterschied.
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