Radio WDR 3, Stefan Berholz and „Buch des Flüsterns”

WDR 3, 07.01.2014

 

Anmoderation

Der Völkermord an den Armeniern ist von der Literatur bisher auf unterschiedliche Weise aufgegriffen worden. Franz Werfel veröffentlichte 1933 sein Epos „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Edgar Hilsenrath publizierte 1989 sein „Märchen vom letzten Gedanken“. Hinzu kommen Armin T. Wegner sowie türkische Autoren wie Ahmet Ümit, Fethiye Cetin und andere. Nun folgt der rumänische Autor und Präsident der Vereinigung der Armenier, Varujan Vosganian, seit 2013 auch Wirtschaftsminister Rumäniens, mit seiner Version, der Titel: „Buch des Flüsterns“. Stefan Berkholz hat den weit ausgreifenden Roman gelesen und die Buchvorstellung inBerlinbeobachtet.

 

 

Autor:

Spät erst, ungefähr in der Mitte des Romans, gelangt Varujan Vosganian zu den grauenvollen Ereignissen des Völkermords an den Armeniern. Der Beginn in den Jahren 1894/95 und die Vollstreckung dann, nach dem April 1915. Abgründe menschlicher Bestialität werden geschildert, ein jahrzehntelanges Gemetzel. Auch Kinder werden organisiert ermordet – als Augenzeugen und potentielle Rächer dürfen sie nicht weiter leben. Frauen werden im Meer ertränkt – es soll keine Nachfahren geben. In der Wüste Mesopotamiens werden die Hungernden, die Durstenden, sich selbst überlassen. Noch Lebende werden von Hyänen zerrissen, noch Lebende werden von anderen Sterbenden angenagt. Hitler nahm den Völkermord an den Armeniern später zum Vorbild für die Judenvernichtung.

 

 

O-Ton 1 (Vosganian)

(Übersetzung:) Eigentlich ist das „Buch des Flüsterns“ ein Buch über die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Weltkriege, Massengräber, Vertreibungen, Konzentrationslager bis hin zur Suche nach sich selbst.

 

 

 

 

Zitat 1 (Sprecher 1)

Von den in abgelegene Gegenden geleiteten Konvois, wo sie leicht zu umstellen und niederzumetzeln waren, von den Konzentrationslagern bis hin zum Tod durch Erschießung, Verhungern, dem Ertränken in eiskaltem Wasser oder dem Verbrennen der lebendigen Moribunden – alle zur Ermordung der Armenier auf den Wegen Anatoliens von Konstantinopel bis nach Deir-ez-Zor und Mossul benutzten Methoden wurden später von den Nazis gegen die Juden angewandt.

 

 

 

Autor

Zu Beginn des Romans denkt man noch, hier erzähle einer seine Autobiographie. Es beginnt mit Kindheitserinnerungen des Autors aus den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einer rumänischen Provinzstadt. Eltern und Großeltern erzählen, Gewohnheiten, Sitten und Bräuche der Armenier werden geschildert. Doch dann verschränken sich die Erzählungen, Legenden und Mythen immer mehr und es entfaltet sich ein gewaltiges Panorama von Menschheitsgeschichten voller Leid.

 

 

 

O-Ton 2 (Vosganian)

(Übersetzung:) Das ‘Buch des Flüsterns‘ hat viele dramatische Episoden – trotzdem ist es kein trauriges Buch. Obwohl ich beispielsweise erzähle, dass aus der Familie meiner Mutter die Hälfte der Familienmitglieder umgebracht worden sind, ist es kein Buch, das zum Hass anstachelt.

 

 

 

Zitat 2 (Sprecher 1)

Das ’Buch des Flüsterns‘ ist kein Geschichtsbuch, sondern eines der Bewusstseinszustände. Deshalb wird es durchlässig, und seine Seiten sind transparent. Gewiss, im ‘Buch des Flüsterns‘ gibt es viele genaue Daten, die sogar den Tag, die Uhrzeit und den Ort verzeichnen. (…) In seinem Kern bleibt das ’Buch des Flüsterns‘ sich in allen und für alle Zeiten gleich, wie ein Choral von Johann Sebastian Bach, wie ein schmales Tor, durch das die Menschen gebeugt oder aneinandergepresst gehen.

 

 

Autor

Varujan Vosganian erzählt nicht chronologisch, sondern assoziativ, angestoßen durch immer neue Figuren und Erzählungen und Querverweise. In Zeitsprüngen und kreisenden, wellenförmigen Erzählungen schildert Vosganian die Geschichten von Flüchtlingen, von Überlebenden, von Davongekommenen. Die Wirren der Kriege und wechselnden Fronten, die Wirren der Enteignungen und Raubzüge, die Wirren sich ändernder Machtverhältnisse und Umstürze. Die Lebenswege der Attentäter der „Gruppe Nemesis“ als Rächer nach dem Ende des Ersten Weltkrieges; die Übergabe von 400 Waisenkindern im Mai 1923; die Stimmen aus aller Welt der in die Ferne getriebenen Staatenlosen. Augenzeugenberichte, Geschichten vom Hörensagen, heimlich weiter gereichte Dokumente, vergilbte Fotografien. Ein Stimmenpanorama, wie ein gewebter Teppich zusammengesetzt. Ein bitteres, blutiges, ein brutales Volksmärchen. Dass Vosganian selbst Armenier ist, mache ihn in seiner Darstellung freier als andere, meint sein Übersetzer Ernest Wichner:

 

 

 

O-Ton 3 (Wichner)

Varujan Vosganian kann ideologiefrei mit seinen Armeniern umgehen. Er kann von dem einen erzählen, der sich mit Hitler verbündet, weil er denkt, das ist eine politische Option, um Armenien zu befreien. (…) Und er kann von den kommunistischen Tätern sprechen und Verrätern, die kommen alle bei ihm vor. Er muss nicht die Armenier als bessere Menschen darstellen und in ihrer kollektiven Opferhaltung zementieren, sondern er kann zeigen, dass die genauso ihre Verräter und ihre Verbrecher und ihre Verrückten und Traumtänzer haben wie alle anderen auch.

 

 

Autor:

Der Roman ist ein schwer zu bewältigender Koloss. Das kleine Schriftbild täuscht über den wahren Umfang des Textes hinweg. Und der Inhalt überwältigt in seinen schaurigen Vertreibungsszenarien. Der Leser benötigt viel Muße und Geduld für dieses Buch und vielleicht auch ein paar Vorkenntnisse zur Tragödie des armenischen Volkes. Der Sog dieser Erzählung entfaltet sich allmählich, die Sprache aber bleibt klar und unangestrengt. Varujan Vosganian hat seinem Volk einen literarischen Gedenkstein gesetzt.

 

 

Abmoderation:

Varujan Vosganian: Buch des Flüsterns. Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013. 512 Seiten, 26.00 Euro