Stefan Berkholz and SWR 2 Radio German Broadcast interview with Varujan Vosganian and Ernest Wichner
Stefan Berkholz
SWR 2, Forum Buch, 22.12.2013
Anmoderation
Der Völkermord an den Armeniern ist von der Literatur bisher auf unterschiedliche Weise aufgegriffen worden. Franz Werfel veröffentlichte 1933 sein Epos „Die vierzig Tage des Musa Dagh”. Edgar Hilsenrath publizierte 1989 sein „Märchen vom letzten Gedanken”. Hinzu kommen Armin T. Wegner, sowie türkische Autoren wie Ahmet Ümit, Fethiye Cetin und andere. Nun folgt der rumänische Autor und Präsident der Vereinigung der Armenier, Varujan Vosganian, mit seiner Version, der Titel: „Buch des Flüsterns”. Stefan Berkholz hat den weit ausgreifenden Roman gelesen und mit dem Übersetzer Ernest Wichner gesprochen.
| Zitator: | In meiner Kindheit lebte ich in einer Welt des Flüsterns. Man sprach bedacht. Erst später habe ich erfahren, dass Flüstern auch andere Bedeutungen hat, etwa Zärtlichkeit oder Gebet. |
| Autor: | In seiner Kindheit erlebt Varujan Vosganian die vom Securitate-Geheimdienst überwachte Welt Rumäniens. Flüstern ist angesagt, um nicht aufzufallen, sich verdächtig zu machen, geschnappt zu werden. Doch das ist nur die beängstigende Gegenwart. Nach und nach erfährt der armenische Autor, dass es in der Geschichte seiner Familie weit zurückreichende Gründe für das ewige Flüstern gibt, für die Angst vor Vertreibung und Heimatlosigkeit, vor dem Blutrausch der Menschen. |
| Zitator: | Das ‘Buch des Flüsterns’ erzählt, da es nicht für herrschaftliche Höfe geschrieben worden ist, vor allem von den Besiegten. Die entweder zu den Schwachen gehörten oder sich entschieden haben, zu den Besiegten zu gehören, weil das, was sie erringen wollten, nicht von dieser Welt war. Deshalb ist es selbstverständlich, dass in solch einer Geschichte die Menschen und die Pferde nicht unabhängig voneinander dargestellt werden können. |
| Autor: | Denn die Pferde zählten immer zu den Verlierern, heißt es. Sie blieben auf den Schlachtfeldern unbeachtet zurück, sie bekämen keine Gräber. Nie würden Pferde in der Geschichtsschreibung erwähnt, denn genannt würden in den Chroniken nur die Sieger oder nur solche Besiegten, die den Ruhm der Sieger noch mehrten. Von Pferden aber spricht kein Gladiator. Und so zieht in dieser Geschichte der Besiegten ein kleines Holzpferd durch die vielen Geschichten, ein kleines, zunehmend abgeschabtes Holzpferd als letztes Überbleibsel einer armenischen Gemeinde, so etwas wie ein Amulett der Überlebenden. |
| Zitator: | Was flüsterst du da?, fragte ich. Ich lese, antwortete Großvater Garabet. Wie liest du? Wo ist dein Buch? Das brauche ich nicht mehr. Ich kann es auswendig. Gut, aber wie heißt dieses Buch? Wer hat es geschrieben? Du vielleicht, eines schönen Tages. Was ich jetzt tatsächlich auch mache. Und ich nenne es genau so: ‘Buch des Flüsterns’. |
| Autor: | Spät erst, ungefähr in der Mitte des Romans, gelangt Vosganian zu den grauenvollen Ereignissen des Völkermords an den Armeniern. Der Beginn in den Jahren 1894/95 und die Vollstreckung dann, nach dem April 1915. Grauenvolle Abgründe menschlicher Bestialität werden geschildert, ein jahrzehntelanges Gemetzel. Ungezählte Kinder werden bestialisch ermordet – als Augenzeugen und potentielle Rächer dürfen sie nicht weiter leben. Frauen werden im Meer ertränkt – es soll keine Nachfahren geben. In der Wüste Mesopotamiens werden die Hungernden, die Durstenden, sich selbst überlassen. Noch Lebende werden von Raubvögeln zerfetzt, noch Lebende werden von Hyänen zerrissen, noch Lebende werden von anderen Sterbenden angenagt. Hitler nahm den Völkermord an den Armeniern später zum Vorbild für die Judenvernichtung. |
| Zitator: | Von den in abgelegene Gegenden geleiteten Konvois, wo sie leicht zu umstellen und niederzumetzeln waren, von den Konzentrationslagern bis hin zum Tod durch Erschießung, Verhungern, dem Ertränken in eiskaltem Wasser oder dem Verbrennen der lebendigen Moribunden – alle zur Ermordung der Armenier auf den Wegen Anatoliens von Konstantinopel bis nach Deir-ez-Zor und Mossul benutzten Methoden wurden später von den Nazis gegen die Juden angewandt. |
| Autor: | Die dokumentarischen Passagen sind schwer zu ertragen. Plastisch und nüchtern zugleich werden die Etappen der Verrohung erzählt, die Vertierung, die Vernichtung der Menschen auf den Sterbenskonvois durch die Wüste. Namenlos blieb das Elend dieser Geschändeten. |
| Zitator: | Die Namen, die wir kennen, sind die der Henker: Gouverneure, Lagerkommandanten, Paschas, Beys, Aghas und sonstige kleine Würdenträger. Die Opfer haben selten einen Namen. Niemals war der Tod (…) namenloser. |
| O-Ton 1, Wichner:(0’25) | Ich glaube, das Thema ist der Versuch, Normalität zurückzugewinnen. Der Roman schließt symbolisch ab mit fast einem ganzen Jahrhundert von Ausnahmezuständen. (…) In dem das Ganze, was in Ausnahmesituationen geschehen ist, versammelt ist, ist jetzt Zeit für Frieden oder für Normalität.
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| Autor: | Die ewige Hoffnung von Idealisten, von Schriftstellern. So erklärt der Leiter des Berliner Literaturhauses, Ernest Wichner, das Thema des Romans. Wichner hat das Buch aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt. Zu Beginn denkt man noch, hier erzähle einer seine Autobiographie. Es beginnt mit Kindheitserinnerungen des Autors aus den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einer rumänischen Provinzstadt. Eltern und Großeltern erzählen, Gewohnheiten, Sitten und Bräuche der Armenier werden geschildert. Doch dann verschränken sich die Erzählungen, Legenden und Mythen immer mehr und es entfaltet sich ein gewaltiges Panorama von Menschheitsgeschichten voller Leid. |
| Zitator: | Das ‘Buch des Flüsterns’ ist kein Geschichtsbuch, sondern eines der Bewusstseinszustände. Deshalb wird es durchlässig, und seine Seiten sind transparent. Gewiss, im ‘Buch des Flüsterns’ gibt es viele genaue Daten, die sogar den Tag, die Uhrzeit und den Ort verzeichnen. (…) In seinem Kern bleibt das ‘Buch des Flüsterns’ sich in allen und für alle Zeiten gleich, wie ein Choral von Johann Sebastian Bach, wie ein schmales Tor, durch das die Menschen gebeugt oder aneinandergepresst gehen. |
| O-Ton 2, Wichner:(0’30) | Damit will er das ‘Buch des Flüsterns’ (…) verallgemeinern oder ausweiten in eine Geschichte der Opfer, die sie selber erzählen. Und dann kriegt man auch Auschwitz in den Blick. Es gibt mehrere Stellen im Roman, wo das auch so anklingt, als wäre das noch ein Mosaikstein, den man braucht, um die große Verbrechensgeschichte des 20. Jahrhunderts überhaupt in den Blick zu kriegen. Und vollständig als Panorama vor Augen zu haben.
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| Autor: | Varujan Vosganian ist heute Wirtschaftsminister in Rumänien, und er ist der Präsident der Vereinigung der Armenier und Nachfahre von Überlebenden der Massaker. Einer, der die ersten Erzählungen von seinen Vorfahren erhielt und dann weiter fragte, weiter zuhörte, weiter forschte. Und sich die Geschichte seines Volkes zur Verpflichtung machte. Der Autor erzählt nicht chronologisch, sondern assoziativ, angestoßen durch immer neue Figuren und Erzählungen und Querverweise. In Zeitsprüngen und kreisenden, wellenförmigen, stromlinienartigen Erzählungen schildert Vosganian die Geschichten von Flüchtlingen, von Überlebenden, von Davongekommenen. Die Wirren der Kriege und wechselnden Fronten, die Wirren der Enteignungen und Raubzüge, die Wirren sich ändernder Machtverhältnisse und Umstürze. Die Lebenswege der Attentäter der „Gruppe Nemesis” als Rächer nach dem Ende des Ersten Weltkrieges; die Übergabe von 400 Waisenkindern im Mai 1923; die Stimmen aus aller Welt der in die Ferne getriebenen Staatenlosen. Augenzeugenberichte, Geschichten vom Hörensagen, heimlich weiter gereichte Dokumente, vergilbte Fotografien. Ein Stimmenpanorama aus unterschiedlicher Perspektive, wie ein gewebter Teppich zusammengesetzt. Ein bitteres, blutiges, ein brutales Volksmärchen. Dass Vosganian selbst Armenier ist, mache ihn in seiner Darstellung freier als andere, meint sein Übersetzer Ernest Wichner: |
| O-Ton 3, Wichner:(0’45) | Varujan Vosganian kann ideologiefrei mit seinen Armeniern umgehen. Er kann von dem einen erzählen, der sich mit Hitler verbündet, weil er denkt, das ist eine politische Option, um Armenien zu befreien. (…) Und er kann von den kommunistischen Tätern sprechen und Verrätern, die kommen alle bei ihm vor. Er muss nicht die Armenier als bessere Menschen darstellen und in ihrer kollektiven Opferhaltung zementieren, sondern er kann zeigen, dass die genauso ihre Verräter und ihre Verbrecher und ihre Verrückten und Traumtänzer haben wie alle anderen auch. |
| Autor: | Der Roman ist ein schwer zu bewältigender Koloss. Das kleine Schriftbild täuscht über den wahren Umfang des Textes hinweg. Und der Inhalt überwältigt in seinen schaurigen Vertreibungsszenarien. Der Leser benötigt viel Muße und Geduld für dieses Buch und vielleicht auch ein paar Vorkenntnisse zur Tragödie des armenischen Volkes. Der Sog dieser Erzählung entfaltet sich allmählich, die Sprache aber bleibt klar und unangestrengt. Varujan Vosganian hat seinem Volk einen literarischen Gedenkstein gesetzt. |
Varujan Vosganian: Buch des Flüsterns. Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013. 512 Seiten, 26.00 Euro (26. August)