Urwort.com: Vosganian created a monument, a profound book!

 

„Wie fotografiert man einen Spiegel, ohne dass man sich selbst darin sieht? Wie kann man die Welt verstehen, wenn man sich außerhalb ihrer platziert?“

Der rumänische Politiker Varujan Vosganian (*1958) gab nicht nur seinen armenischen Vorfahren, sondern dem gesamten armenischen Volk eine Stimme. „Buch des Flüsterns“ ist ein Roman, der schwer in wenige Sätze zu packen ist, vielmehr häutet er sich wie eine Zwiebel und lässt zeitweilig einen roten Faden vergessen, der sich dann urplötzlich wiederfindet. Familienschicksale, eines grausamer als das andere, werden beleuchtet, in die geheimsten Winkel verfolgt und schließlich angehört, dass ihre rauen Stimmen – des Redens ungewohnt – unsere Augen öffnen.

„Großvater war durch beide Kriege gegangen. Er hatte nicht gekämpft, aber ihnen zugeschaut. Die in die Kämpfe verwickelt waren, hatten weniger begriffen.“

Im Mittelpunkt steht der rumänische Ort Focșani, in welchem der Großvater Garabet all die Geschichten erzählt, denen der Enkel lauscht um diese im Buch des Flüsterns wiederzugeben. Das armenische Volk wird als still und leise portraitiert, welches in den grausam politischen Verhältnissen, die sich im Laufe der Zeit abwechselten, stets demütig flüsternd kommunizierte und bemühte sich in Unsichtbarkeit zu tarnen, heimatlos ein Leben im Hintergrund und voller Angst dem Schicksal beugend. Gesichter kennt man größtenteils nur noch von Fotografien, die sich verstreuen und dessen Geschichte sich nun wie ein Mosaik zusammenfügt.

„Von alledem, was du bist, gehören die Augen am wenigsten dir. Das Licht ist wie ein Vogel, der seine Eier in ein fremdes Nest legt.“

Realität verwebt mit literarischer Phantasie, Historie wird anhand der Einzelschicksale im poetischen Ton erzählt. Der Widerstand des armenischen Volks äußert sich im Stillen, flüsternd, zwischen den Seiten erahnend. Ein vorsichtiges Buch, und in all seiner Angst doch ein Buch voller Kraft und Widerstand in einer armen Welt, in welcher der Tod stets präsent ist.

„Niemand kann sagen, er wisse genau, was Stille ist, wenn er in seinem Rücken nicht das Klicken der Waffe gehört hat, die durchgeladen wurde.“

Trotz erdachter Figuren, bleibt das Geschehen real und liefert Zeugnis der Vertreibung des armenischen Volkes. Der Autor heischt nicht nach Mitgefühl, sondern erfragt und legt dar, vermittelt dem Leser mal poetisch, mal lakonisch die Unbegreiflichkeit dieser Welt, die all die vertriebenen Völker dieser und anderer Zeiten konfrontiert hat.

„Welcher Krieg?, fragte ich. – Es gibt bloß einen. Nur dass er immer an einer anderen Stelle ausbricht, wie Nesselfieber. Je mehr du kratzt, umso heftiger brennt es. Letztlich ist die Geschichte nichts als ein langes Kratzen.“

Vosganian setzte ein Denkmal. Durch das Sprachrohr des Kindes werden Zusammenhänge deutlich, sogar zeitweilig rührend und geistreich dargestellt, umhüllt von einer Unschuld, die all die Seiten durchtränkt. Es ist weitaus mehr als ein Geschichtsbuch, das man keineswegs an dieser Stelle skizzieren sollte, da die Sprache den Leser von der ersten Seite in den Bann zieht und ein Eigenleben kreiirt, was nicht kopiert werden kann – es ist eine Warnung, ein Innehalten für Nachfahren, Zuschauende, Mitfühlende. Und gleichzeitig hat es die Weisheit inne in all dem Leid die laute Phase der Rache und des Vergessens zu überwinden, um still zu werden und: zu vergeben. Ein tiefes Buch!

http://urwort.com/buch-des-fluesterns-varujan-vosganian/

Buch des Flüsterns – Varujan Vosganian

27DienstagMai 2014

Posted by shiraz in Erzählungen, Gesellschaft