Phelmas.com und Hermia: „Alles hat Platz in diesem unglaublichen Buch!”

Varujan Vosganian gehört zu den Rumänen, die armenischer Abstammung sind und verbrachte seine Jugend in der rumänischen Provinz, in Focsani.

Im Buch des Flüsterns erzählt er von seinen Großeltern, von armenischen Traditionen, den Massakern in der Türkei, aber auch später im kommunistischen Rumänien. Wer von der Familie die Vertreibung aus der Türkei überlebt, muss auch in Rumänien um sein Leben fürchten. Ein Teil der Armenier wird nach dem zweiten Weltkrieg zwangsweise umgesiedelt in die neue, armenische Sowjetrepublik. Der Rest darf in Rumänien bleiben – wenn sie nicht gerade in sibirischen Lagern gefangen sind.

Am Anfang wirkt das Buch wie eine Familiengeschichte. Im Flüsterton erzählt Großvater Garabet unter dem Nussbaum sitzend vom Schicksal der Familienmitglieder, die über die ganze Welt verstreut leben. Schnell weitet sich die Geschichte aus, der Personenkreis wird immer größer, Zeiten und Orten wechseln immer wieder – Trapezunt 1895, Anatolien 1915/1916, die armenische Sowjetrepublik nach dem zweiten Weltkrieg. Ein Dreh- und Angelpunkt bleibt dabei Rumänien und vor allem Focsani. Manche der Figuren sind reale Personen wie General “Dro” Drastamat Kanayan, den Großteil bilden jedoch erfundene Figuren.

Ob Sahag Seitanian ebenfalls eine erfundene Figur ist oder wirklich ein Familienmitglied war, kann ich nicht sagen. Aber es ist auch nicht wichtig, wichtiger ist die Episode, die von seinem Schicksal erzählt, den Massakern in der Türkei. Auf dem langen Weg durch Anatolien stirbt zuerst die Großmutter, dann der Vater. Die Mutter schleppt sich mit den beiden Kindern weiter, bis auch die Schwester stirbt. Da verkauft sie ihren Sohn für ein Säckchen Mehl an die Beduinen, wo Sahag einen neuen Namen erhält und später doch flieht und irgendwann in Rumänien auftaucht. Für den Rest seines Lebens plagen ihn Schuldgefühle, weil er als einziger überlebt hat.

Das Buch erzählt aber auch von der Operation Nemesis und Misak Torlakian, einem der Männer die Rache übten und der auch danach nie zu einem normalem Leben finden konnte.

Andere Begebenheiten erzählen vom reichen Fabrikanten, der nach dem Einzug des Kommunismus seine Fabrik verlor und zu einem Hirten wurde, inklusive verschlissenen Frack beim Hüten der Tiere. Oder der eifrige Kommunist, der als einziger den Einzug der Russen bejubelt und der erstaunt feststellen muss, das der erste russische Soldat ihm die teure Armbanduhr abnimmt. Lagerleben in Sibirien, Begegnungen mit der rumänischen Securitate und dem späteren Diktator Nicolae Ceaușescu während der Enteignung der Bauern, alles hat Platz in diesem unglaublichen Buch.

Obwohl das Buch sehr verschlungen und dicht erzählt, ist es auch gleichzeitig flüssig zu lesen. Die vielen Namen haben mich merkwürdigerweise nicht verwirrt, obwohl es wirklich eine hunderte von Personen sind, die erwähnt werden. Das liegt vermutlich daran, das die einzelnen Ereignisse eher episodenhaft geschildert werden und man sich beim lesen auf ein Thema, einen Personenkreis konzentrieren kann. Bei aller Tragik und Grausamkeiten werden die Ereignisse fast nüchtern und lakonisch erzählt.

Auf dem Totenbett flüstert Großvater Garabet ein letztes Mal: “Es ist vorbei.” Leider nicht, wie die Ermordung von Hrant Dink bewies.

 

http://phelmas.com/2014/02/24/rezension-varujan-vosganian-buch-des-flusterns/