Berliner Tagesspiegel – Im Kern des Schreckens – Das Leid, der Stolz und die Geschichte Armeniens:Varujan Vosganians großes „Buch des Flüsterns“
Den Ausdruck „umstrittener Politiker“
quittiert Varujan Vosganian
mit einem müden Lächeln – zu oft
hat er ihn in letzter Zeit gehört. Im Oktober
letzten Jahres trat er unter bislang
nicht ganz geklärtenUmständen als rumänischer
Wirtschafts- und Finanzminister
zurück. Unumstritten hingegen ist der
vielsprachige, charismatische Präsident
der Vereinigung der Armenier in Rumänien
in seinem zweiten Beruf als Schriftsteller.
„In gewisser Weise hätte ich dieses
Buch gar nicht schreiben können,
wenn ich nicht wichtige Funktionen, politische
Funktionen auch europaweit innegehabt
hätte“, sagt Vosganian: „Man
muss die Welt aus einem gewissen Gesichtspunkt
betrachten, um einige Dinge
verstehen zu können. Etwa zu begreifen,
dass jeder Mensch sich für das Zentrum
derWelt hält.“ Und er ergänzt: „In einem
Land wie Rumänien kann das Politische
durch Kultur wiedergewonnen werden.“
Mit seinem 2009 in Rumänien publizierten
„Buch des Flüsterns“ hat sich Varujan
Vosganian als bedeutender Erzähler
des armenischen Volkes und dessen
tragischer Geschichte erwiesen – längst
schreibe der 500-Seiten-Roman ihn,
meint er. Damit steht er in der Tradition
von Franz Werfels Armenien-Roman
„Die vierzig Tage des Musa Dagh“, der
1933 beimWiener Zsolnay-Verlag veröffentlichtwordenwar.
Zu diesem 80. Jubiläum
folgte Ernest Wichners deutsche
Übersetzung von Vosganians Opus magnum.
Beide Bücher wurden in die offizielle
Bibliografie der historischen Schriften
zum Völkermord an den Armeniern
aufgenommen.
Noch heute verehren die Armenier
Werfels Roman „Die vierzig Tage des
Musa Dagh“ als epochalesWerk, das vielfach
wiederaufgelegt wird. Präzise wird
darin die grausame Armenienpolitik des
jungtürkischen Regimes in den Jahren
1915/16 dargestellt.
Damals flüchteten
auch Varujan
Vosganians Großeltern
vor den Pogromen
nach Rumänien,
wo die zweitälteste
armenische Gemeinde
der Welt
existiert. Den Buchumschlag
ziert ein
Gruppenfoto in Sepiabraun:
Die Familie
des Autors, gekleidet im eleganten Stil
der zwanziger Jahre, bei einer Bootsfahrt
auf der Donau. Durch seine selbstreflexive
Erzählhaltung, die den Berichterstatter
und seinTun scheinbar von außen betrachtet,
gelingt Vosganian eine Verschränkung
der Generationen: „Als ich
groß genug gewordenwar und nicht bloß
in Freuden und Ängsten zu denken begann,
sondern auch in Worten, habe ich
überrascht festgestellt, dass die Stimme,
die mir nunmehr in meinen Worten in
meinen Ohren klang, jene unvertraute
Stimme meines Großvaters war, aus Vibrationen
gebildet, wie Arsag, der Glöckner,
allseits bedrängt von den Vögeln, die
immer noch herbeigeflogen kamen, sich
die Sprache in einer idealen Welt vorgestellt
hätte. Die Stimme meines Großvaters
war zu meiner inneren Stimme geworden.“
Wichtiger als der Tod und das Leben
sei das Gedächtnis, heißt es im letzten
der zwölf Kapitel. Diese Erkenntnis
durchdringt wie ein roter Faden den gesamten
riesigen Erzählteppich, den der
Ich-Erzählerumseine Großväter Garabet
Vosganian und Setrak Melichian webt.
Die erzählte Zeit umfasst rund achtzig
Jahre, von 1890 bis zu Garabets Beerdigung
1968 in der ostrumänischen Stadt
Focsani. Sein Enkel Varujan war damals
zehn. Früh tauchte er in die imaginäre
Welt ein, die ihm die Bibliothek des Großvaters
eröffnete, früh begann er, den mannigfachen
Geschichten zu lauschen, die
sich seine Landsleute erzählten.
Im „Buch des Flüsterns“ werden diese
teils fantastisch-orientalischen Anekdotenwie
mit Blitzlichtern erhellt – egal, ob
um es einen Magier der Landkarten geht,
um das heimliche Hören des Senders Radio
FreeEuropein der Familiengruft, um
die sagenhafte Karriere des Zuckerfabrikanten
HarutiunKhântirian, die derKommunismus
abrupt beendete.Oderum die
sagenhaftenWaffen des Generals Dro, eines
armenischen Freiheitskämpfers. Dro
verbündete sich 1941 mit dem nationalsozialistischen
Deutschland,umseinHeimatland
zu befreien, das seit 1922 Teil
der Transkaukasischen Sowjetrepublik
war. Der Plan endete im Inferno von Stalingrad.
Unsentimental und sachlich stößt Vosganian
im achten Kapitel zum Kern des
Schreckens vor, dem Völkermord der
Türken an den Armeniern von 1915/16.
Er diente denNationalsozialisten alsVorbild
für den Holocaust und wird von der
Türkei bis heute geleugnet. Vosganian
stellt den Genozid anhand der sogenannten
sieben Kreise des Todes dar, die ein
entfernter Verwandter namens Yusuf
durchläuft. Dessen Familie wird durch
Gewaltmärsche in die Wüste dezimiert.
In diesen Passagen erklärt sich auch
der Titel des Buches: Neben dem Flüstern
alsAusdruck der Furcht wie der Intimität
bezieht sichVosganian auf das rund
tausend Jahre alte „Buch der Klagen“,
eine Psalmensammlung von Gregor von
Narek. Sie erlangte eine so große Popularität,
dass sie häufigKranken ansKopfkissen
gelegt wurde.
So wieMenschen vonMenschen geboren
würden, gelte dies auch für Bücher,
heißt es in dieser stolzen Genealogie:
„Von jenem Weinen bis zu dem Flüstern
hier wird nicht ein Leid durch ein anderes
ersetzt, sondern allein zwischen dem
Weinen und dem unterdrückten Weinen
unterschieden. Im Jahrhundert meiner
Geburt ist genauso viel Blut für eine
Träne vergossen worden wie zu jener
Zeit in hundert Kriegsjahren.“
An der komplizierten Übersetzung ins
Armenische mit dessen verschiedenen
historischen Sprachebenen wirkten sieben
Übersetzer und der Autor selbst mit,
so dass es nun zwei Originalversionen
des „Buchs des Flüsterns“ gibt: eine rumänische
und eine armenische. Die deutschsprachigen
Leser jedoch können sich
ganz auf Ernest Wichners hervorragende,
zu Recht für den Preis der Leipziger
Buchmesse nominierte Übertragung
dieses großen, berührenden und dennoch
heiteren Geschichtsromans in Geschichten
verlassen. Katrin Hillgruber