Augsburger Allgemeine: „The Book of Whispers, a possible winner of the Nobel Prize?”
Literatur
Mächtige Stimme aus dem Dunkel der Geschichte
Varujan Vosganian liest im Donauschwäbischen Zentralmuseum aus seinem „Buch des Flüsterns“Von Dagmar Hub
Varujan Vosganian las im Donauschwäbischen Zentralmuseum.
Ulm Sitzt da im Donauschwäbischen Zentralmuseum ein zukünftiger Literatur-Nobelpreis-Träger? Auf der Vorschlagsliste des Komitees soll Varujan Vosganian, bis vor Kurzem rumänischer Wirtschaftsminister, schon stehen. Der Nachkomme eines Mannes, der dem Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges entkam, ist auch Präsident der Vereinigung der Armenier in Rumänien – und Schriftsteller und Lyriker. Ein großer Schriftsteller, das zeigte sich bei der Lesung seines 2013 von Ernest Wichner ins Deutsche übertragenen Romans „Buch des Flüsterns“, das 2009 als „Cartea soaptelor“ in rumänischer Sprache erschien und inzwischen in elf Sprachen übersetzt wurde. Auflagen in weiteren Sprachen sind in Vorbereitung.
Eines wird der Regelungswut der EU nie gelingen, sagt Vosganian: eine Normierung der Poesie. Ein Poet ist der 55-Jährige, einer, der die Lyrik liebt. Sein bisheriges Hauptwerk aber, aus dem Vosganian in rumänischer und sein Übersetzer Wichner in deutscher Sprache lasen, ist ein politischer Roman, der von den drei Wegen des Umgangs mit Unrecht erzählt: von der Rache, vom Vergessen und von der Vergebung. Vosganian legt sich nicht auf eine dieser Handlungsweisen fest, obwohl in der anschließenden Diskussion im Museum seine innere Haltung der Vergebung deutlich wurde. Diese sei aber immer erst möglich, wenn eine Wiederholung des Unrechts ausgeschlossen ist, sagt Vosganian.
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Das „Buch des Flüsterns“ ist ein Roman, der nicht von Siegern und Siegen erzählt. Es erzählt von der Sinnlosigkeit eines Völkermords, wählt starke Bilder wie jenes der toten und sterbenden Pferde auf einem von Siegern und Besiegten verlassenen Schlachtfeld. Der einzige Sieg des unparteiischen, benutzten Tieres ist sein Überleben – und das wäre vor allem ohne die Schlacht möglich. Vosganian, dessen Großvater Garabet den Genozid an den Armeniern überlebte, weil ein Türke ihn rettete, schreibt vom sinnlosen Verhungern der dem Völkermord Geweihten – und er tut es in einer manchmal fast biblisch anmutenden Sprache. Das Buch Hiob kommt beim Zuhören in den Sinn, die Frage nach der Ursache für das Leid Unschuldiger.
Die Toten sprechen aus den Lebenden
Der Ort des Grauens, Deir ez-Zor, liegt am Rand des Paradieses, im alten Mesopotamien, am Euphrat. Der Völkermord erscheint wie eine zweite Vertreibung der Menschheit aus dem Paradies der Unschuld. Ein „Buch des Flüsterns“ in doppelter Hinsicht, denn die Erzählungen der Überlebenden wurden in ihren grausamen Details im kommunistischen Rumänien flüsternd weitergegeben. Die Stimmen der Toten, sagt Vosganian, sprachen flüsternd in den Überlebenden weiter. „Immer bleibt einer übrig, der erzählt“, hatte Vosganians Großvater gesagt. „Vielleicht wird gerade er einmal der Erzähler sein.“ Großvater Garabets Ahnung sollte sich bewahrheiten.