Neue Zurcher Zeitung- Vosganian, der grossen Erzähler seines Volkes

Sonntag, 25. August, 06:00

Varujan Vosganians Saga des armenischen Volkes

Durch sieben Kreise des Todes

 

 



Varujan Vosganian ist Wirtschaftsminister Rumäniens. Aber auch ein begnadeter Erzähler. Sein 2009 auf Rumänisch erschienenes «Buch des Flüsterns», ein flüssig geschriebener Roman, liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor.

 

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Jan Koneffke

Varujan Vosganian ist in seiner Heimat Rumänien ein bekannter Mann. Immerhin verwaltete er von 2007 bis 2008 die rumänischen Finanzen und bekleidet auch heute wieder einen Regierungsposten: den des Wirtschaftsministers. Kein Wunder also, will man meinen, wenn sein 2009 in Rumänien erschienener Roman, das «Buch des Flüsterns», ein überwältigendes Echo auslöste.

Doch so einfach verhält sich die Sache nicht. Denn wenn sich Vosganian als Vertreter der zweifelhaften politischen Klasse Rumäniens nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, überzeugt er als Erzähler umso mehr. Bereits mit den ersten Zeilen entführt er den Leser in eine unbekannte Welt und greift in Zeit und Raum immer weiter aus, bis sich die Handlungsfäden zu einem orientalischen Erzählteppich verknüpfen.

Leiden und erzählen

Das flüssig geschriebene «Buch des Flüsterns» hebt Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre in einer rumänischen Provinzstadt namens Focsani an, in der der Autor seine Kindheit und Jugend verbrachte. Zunächst meint man es mit einem nur persönlichen Erinnerungsbuch zu tun zu haben, wenn Vosganian die Welt der armenischen Gemeinde unter den Kommunisten schildert. Doch bereitet er mit seiner Darstellung von Alltagsgewohnheiten und -gegenständen, typischen Gerüchen oder Speisen die Saga eines Volkes vor, das die «sieben Kreise des Todes» durchlaufen hat.

«Ich spielte unter dem Tisch im Hof, wenn die Alten sich flüsternd Geschichten erzählten oder schöne Lieder traurigen Inhalts summten, die sie wiederum in ihrer Kindheit auf den Hochebenen Anatoliens gehört hatten. Schickt das Kind hier weg, sagte manchmal eine der dicklichen und nach Kölnischwasser riechenden Frauen, Tante Parantem oder Armenuhi. Lass ihn, sagte Grossvater. Immer bleibt einer übrig, der erzählt. Vielleicht wird gerade er einmal der Erzähler sein.»

Grossvater Garabet ist nicht nur eine einprägsame, liebevoll geschilderte Gestalt, sondern fungiert als Quelle der Geschichten eines Buches, das die Funktionen, Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Erzählens in unaufdringlich poetologischer Weise immer wieder selbst zum Thema macht. «Wer gelitten hat», heisst es einmal, «kann die Geschichte nicht so erzählen, wie sie sich zugetragen hat, sondern nur die eigene Geschichte. Wer gelitten hat, kann nicht verstehen.»

So verlässt der Autor den Rahmen persönlicher Erinnerungen, um dem Motto des Romans gerecht zu werden: «Wir (die Armenier) unterscheiden uns nicht durch das, was wir sind, sondern durch die Toten, von denen wir jeden einzelnen beweinen.»

In den folgenden zwölf Kapiteln schüttet das «Buch des Flüsterns» ein Füllhorn eindrucksvoller Figuren und bald wundersamer, bald komischer, oft aber auch grausamster Geschichten über dem Leser aus. Da ist zum Beispiel der in Anatolien geborene Schwager des Grossvaters, Sahag Seitanian, der von den Osmanen, zusammen mit seiner Familie und Tausenden anderer Armenier, in die Wüste deportiert wird, wo er und die Seinen Hunger leiden, schwere Krankheiten, Kurden- oder Beduinenangriffe überstehen müssen.

Auf die anfängliche Schilderung der Initiation zum Erzählen folgt, in diesen albtraumhaften Passagen massenhafter Vernichtung, die Schilderung der «Initiation in den Tod». Zunächst stirbt die Grossmutter Sahags, dann wird der Vater aus dem Lager geholt und umgebracht, schliesslich erkrankt die Tochter. Um sie vor dem Tod zu bewahren, verkauft die Mutter ihren Sohn für einen Sack Mehl an einen Araber, der ihn zu seinem Beduinenstamm bringt, wo sich der Jugendliche um die Pferde kümmern muss. Sahag wird beschnitten, erhält den Namen Yusuf und bleibt so lange bei den Beduinen, bis der Araber seiner Lieblingsfrau ein Medaillon schenkt, das Sahag/Yusuf als ein Schmuckstück seiner Mutter wiedererkennt. Daraus muss er schliessen, dass sie nicht mehr am Leben ist. Dem Irrsinn nahe, entschliesst er sich zur Flucht, stiehlt ein Pferd des Arabers, das er bald verkaufen wird, um schliesslich mit Zug und Schiff im rumänischen Silistra zu landen.

Lakonisch und unsentimental

Ebenso faszinierend liest sich die Geschichte des 1873 in Anatolien geborenen Hartin Fringhian, der als junger Mann im Heer der Ottomanen dient, bis er 1914 – ein Jahr vor dem Hitler als Vorbild dienenden Holocaust an den Armeniern – auf einem Frachtschiff von Konstantinopel aus das rumänische Konstanza erreicht, wo er ein Kaffee- und Gewürzgeschäft eröffnet. Fringhian macht sein Glück mit ungeläutertem Zucker, den er, kurz vor der Wirtschaftskrise von 1929, aus den USA zu importieren beginnt. Er kauft mehrere Zuckerfabriken in seiner Wahlheimat und wird bald zu einem der reichsten Männer Rumäniens. Unverheiratet und kinderlos, greift er mit seinem Geld den eigenen Arbeitern unter die Arme, indem er Häuser für sie baut oder ihnen mit Krediten aushilft. Einen anderen Teil des Geldes legt er in Gold und Edelsteinen an, die er in einem Safe der rumänischen Handelsbank deponiert. Und in seinem Testament setzt Fringhian die Arbeiter zu seinen Erben ein.

Doch dann kommen die Kommunisten an die Macht, und Fringhian verliert alles, seine Fabriken, sein Gold, seine Edelsteine. Er versteht nicht, was vor sich geht, begibt sich im Smoking zur Börse, vor der die Broker ihre Goldmünzen auf die Strasse werfen, aus Angst, wegen illegalen Geldbesitzes verhaftet zu werden, so dass der Bürgersteig bald wie ein goldener Teppich glänzt, von Soldaten scharf bewacht, damit keine der Münzen gestohlen wird. Fringhian flieht vor seiner Verhaftung in die Berge und kehrt erst, als hochbetagter Mann, nach Stalins Tod zu seiner Fabrik in Chitila zurück, hinter der er vor langer Zeit einen Nussgarten hatte anlegen lassen. Dort sammelt er Nüsse auf, die er anschliessend röstet und verkauft, um sich mit diesem letzten Geschäft seines Lebens mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Im Winter 1959 wird er tot aufgefunden, neben sich das Testament.

Das Schicksal der geschilderten Armenier, die «alle an der Schuld tragen, nicht mit den anderen gestorben zu sein», vermag den Leser vor allem deshalb zu ergreifen, weil der Erzähler die Kunst der lakonischen, ganz und gar unsentimentalen Darstellung beherrscht. Poesie und Magie gehen in seinem Geschichtenreigen Hand in Hand. Vosganian spinnt seinen Faden aus dem Innern der modernen armenischen Geschichte heraus, bis sich das von Hunderten erinnerungswürdiger Gestalten bevölkerte Panorama in ein ausserordentliches, vom tragischen Sinn der Historie beherrschtes Fresko verwandelt.

Das von Ernest Wichner glänzend übersetzte Buch, das man «wie im Licht von Blitzen» liest, endet, wie es enden musste: mit dem Tod des Grossvaters und weisen Geschichten-Zeugen. Garabets Tod ist jedoch gleichzeitig eine Geburt: nämlich die des Varujan Vosganian zum grossen Erzähler seines Volkes.

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/durch-sieben-kreise-des-todes-1.18137846