Neue Zurcher Zeitung :Das «Buch des Geflüsters» war Die Überraschung der letzten Buchsaison in Rumänien

 

Armenische Erinnerungen

Rumäniens «Buch des Jahres» gibt Einblick in historische Hintergründe

Iata prima recenzie a „Cartii soaptelor” in limba germana, aparuta in 21 mai 2011.  Ea apartine unuia dintre cele mai importante cotidiene de limba germana din Elvetia, Neue Zurcher Zeitung:

„Die Überraschung der letzten Buchsaison war in Rumänien das literarische Prosadebüt eines Ökonomen, Politikers und gelegentlichen Autors von Lyrik. Das «Buch des Geflüsters» erweckt die Welt seiner eigenen Kindheit in der südlichen Moldau zu dichtem Leben.

Markus Bauer

Für den Verlag Polirom in Iasi – einer der grössten in Rumänien – ist es eine erfreuliche Erfolgsmeldung: Mehr als 10 000 Exemplare hat das Haus im vergangenen Jahr von dem Roman «Cartea soaptelor» (Das Buch des Geflüsters) absetzen können – der Preis von Lei 49.95 (etwas über 13 Franken) ist ein nicht geringes Entgelt bei einem rumänischen Nettodurchschnittslohn von etwa 1300 Lei. Im Jahr zuvor war das gerade erschienene Werk des Autors Varujan Vosganian als «Buch des Jahres» die Überraschung der Saison. «Ich habe selten in einem Roman eine solche Dichte des menschlichen Lebens und der entscheidenden Ereignisse in der Existenz einer Gemeinschaft angetroffen», lobte Kritikerpapst Nicolae Manolescu. Ungewöhnlich waren für das breite Publikum sowohl Thema als auch Autor.

Der Politiker als Schriftsteller

Nach der Wende von 1989 Präsident der Vereinigung der Armenier in Rumänien geworden und als solcher auch Mitglied des Parlaments, trat Vosganian, Ökonom mit Studienabschluss und daneben Verfasser von Fachbüchern, auch als Autor von einigen Lyrikbänden hervor. Ergänzend zu seiner literarischen Arbeit betätigte er sich politisch auf der konservativen Seite des Parteienspektrums, gründete eine rechte Partei, die dann den Nationalliberalen beitrat. Seine bemerkenswerteste Leistung war sicher die vierjährige Amtszeit als Wirtschafts- und zeitweise auch Finanzminister im Kabinett Tariceanu. Als solcher nicht ganz unumstritten, gibt er in seinem erfolgreichen ersten Roman einen Blick auf einen Hintergrund der rumänischen Gesellschaft frei, der vielen Rumänen weitgehend unbekannt geblieben sein dürfte.

Der metaphernreiche und phantasievolle Stil Vosganians führt in die Welt seiner Kindheit Anfang der sechziger Jahre, in ein Leben in einfachen Häusern mit Hof und offenen Feuern, mit den Gerüchen der Hauswirtschaft und der kleinen Läden an einer Strasse, die die Welt bedeutete. Die Weltlage, wie sie sich den Grosseltern und Verwandten nach dem heimlichen Abhören ausländischer Sender darstellt, und immer wieder die Vergangenheit der Armenier bilden die Themen der Gespräche.

Wenn sich die Alten der armenischen Gemeinde von Focsani in der südlichen rumänischen Moldau zum Gespräch treffen wollten, versammelten sie sich im baumbestandenen Hof der armenischen Kirche oder gar in der unbenützten Grabkammer einer Familie, die im Ausland lebte. Hier würde sie die Geheimpolizei nicht beobachten können, hier waren schnell bei Kaffeezeremonie und Zigaretten Zeit und Raum transzendiert und gab man sich den Vergangenheiten, Zukünften und fernen Landschaften hin, die unter dem Zeichen des Todes aufschienen. Leise musste man sein, flüstern, ein Flüstern, das meist in ein Seufzen überging. «Das Buch des Geflüsters» ist ein historisches Panorama der rumänischen Armenier im 20. Jahrhundert, das, von der kleinen Gemeinde in der Provinz ausgehend, eine Geschichte der Verfolgungen und des Überlebens entwirft.

Als Kind hörte der Erzähler den Alten zu, vor allem seinem Grossvater Garabet, dem Fotografen und Weltweisen, und seinem Schwager Sahag Şeitanian, dem Überlebenden der Deportationen. Geboren wurde die Mehrzahl der Alten der Focsanier Gemeinde jenseits des Schwarzen Meeres, in Persien oder dem Osmanischen Reich, das damals auch Syrien und das heutige Armenien umfasste. Die Schrecken und Greuel der Verfolgung begannen bereits 1895 mit dem Massaker von Trabizond an der Schwarzmeerküste und fanden ihren Höhepunkt in den von Vosganian ausführlich beschriebenen Deportationen in die mesopotamische Wüste während des Ersten Weltkriegs.

Kosmopolitismus

Auf unterschiedlichen Wegen führten die Wege nach Rumänien, das seit dem Mittelalter einen Ort armenischer Kultur und Wirtschaft bildete. Von der Küste über die Moldau bis nach Czernowitz und hinter die Karpaten reichten seit langem die armenischen Handelswege. In Czernowitz waren viele Armenier zum Katholizismus über- und der polnischen Minderheit beigetreten. Armenische Kirchen finden sich noch heute in allen grösseren Orten der Region, wenn auch manchmal – wie etwa in Iasi – dem Verfall preisgegeben, während die Czernowitzer Kirche heute als Musikaufführungsort in hellem Glanz erstrahlt.

Armenier brachten es vor allem im Handel oft zu Wohlstand und Ansehen. Dass ihr Kosmopolitismus aber auch das Resultat der Verfolgungen war, zeigt Vosganians Buch eindringlich. Wenn der Autor aus den Erzählungen seiner Gemeinde schöpft, so ist es diese Erzähllust, die auch in die rumänische Sprache eingegangen ist: «masa armeneasca» bezeichnet etwas abwertend ein lang andauerndes, wenig ertragreiches Gespräch. Für die Flüsterer in Vosganians Buch ist dieses aber eine Sinngebung in schlimmen Zeiten geworden.”

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