Povestea lui Yusuf din „Cartea soaptelor” tradusa in germana de Crista Nitsch

Christa Nitsch este descendenta unei familii armenesti originare din Gherla. In prezent se afla in Armenia unde preda la Universitatea din Erevan. In numai cateva luni a invatat limba armeana iar acum si-ar dori sa fie traducatoarea in limba germana a Cartt soaptelor. A ales, pentru site-ul nostru Povestea lui Yusuf, pe care o considera cea mai dramatica.

Das Buch der geflüsterten Worte

Aus dem 8. KAPITEL (S. 349-380)

JUSUFS GESCHICHTE

(. . .)

DIPSI. DER SECHSTE KREIS. Unter gewöhnlichen Umständen konnte man die Entfernung zwischen Meskene und Dipsi zu Fuß in etwa fünf Stunden zurücklegen. Der Zug der Deportierten hatte aber dafür mehr als zwei volle Tage nötig. Ihre Schritte begegneten das erste Mal sandigen Gegenden, die die Nähe der Wüste ankündigten.

Die Wagen, welche die Toten und Sterbenden aufgelesen hatten, begleiteten sie nicht mehr. Manchmal warteten die Totengräber, welche die Leichen einsammelten, dass der Sand von Windstößen aufgewirbelt werde und er die aufgestapelten nackten und bereits schwarz angelaufenen Körper bedecke. Doch verliefen diese zwei Tage, die sie unterwegs waren, äußerst ruhig. Der Himmel hatte sich gelichtet und die Winde hatten sich gelegt. Die Leichen blieben verstreut am Wegrand zurück. Ein Großteil war von wilden Tieren zerrissen worden. Darunter gab es Sterbende, Frauen und Männer, erschöpft von Müdigkeit, Hunger und Durst, Kinder, die nicht wussten, wie ihnen geschah, und an Steine oder ausgetrocknete Baumstämme angelehnt ihren Tod erwarteten. Diese verzweifelte Mühe im Sitzen zu verharren war die letzte Anstrengung, mit der sie gegen den Tod ankämpften, da der Sand sie sonst, am Wegrand hingestreckt, bedeckt und schließlich erstickt hätte.

Das Lager, das aus mehreren tausend Zelten bestand, wurde am rechten Ufer des Euphrat in einem Tal errichtet. Diejenigen, die den Lagerplatz bestimmt hatten, waren davon ausgegangen, dass es, umgeben von Hügeln, dem ständigen Geruch des Todes und jenen scharfen Ausdünstungen der Dysenterie und des Fleckfiebers weniger ausgesetzt sei. Da der Weg zwischen Meskene und Dipsi kürzer war als jener zwischen Bab und Meskene, hatte der Gouverneur von Aleppo in den Zwischenstationen diesmal keine Unterkünfte für die Sterbenden eingerichtet, die er in einer euphemistischen Laune Hastahane, Krankenhaus, hatte taufen lassen. Der Erschöpfungszustand jedoch, in dem die Menschentrecks nach zwei Tagen auf sandigem Weg und in engen Gebirgspässen eintrafen, bewirkte, dass das ganze Lager von Dipsi Hastahane genannt wurde. Und es verdiente diesen Namen, da in ihm in den wenigen Monaten, in denen es als Konzentrationslager funktionierte, mehr als dreißigtausend Menschen ums Leben kamen.

Dem sogenannten Krankenhaus waren überhaupt keine Medikamente zugeteilt worden und fachliche Betreuung konnte allein von jenen armenischen Ärzten unter den Deportierten gewährleistet werden, welche bis hierher überlebt hatten. Doch auch sie vermochten nichts weiter zu tun, als die Krankheit, wenn diese noch nicht ausgebrochen war, zu benennen und die Tage bis zum voraussichtlichen Tod zu berechnen. Das Lager von Dipsi war eine der schrecklichsten Einweihungsstufen in den Tod, und zwar nicht so sehr aufgrund der großen Zahl jener, die hier ihr Leben gelassen hatten, als vielmehr aufgrund der viel beträchtlicheren Zahl derer, die sich da mit den Krankheiten angesteckt hatten, an deren Folgen sie später sterben sollten, später, auf ihrem Wege nach Deir-ez-Zor, dort wo schließlich auch das siebte Kleid des Todes fiel.

Es war März geworden. Die Regenfälle hatten aufgehört. Dann und wann, gegen Abend oder im Morgengrauen, verdichtete sich ein Wolkenvorhang. Von den Deportierten wäre der sich jetzt einstellende Frühling wohl unbemerkt geblieben: sie blickten immer seltener um sich und auch wenn sie es taten, so nur in Angst und Bangen, aufgescheucht vom Lärm sich nähernder Pferdehufe oder den Flinten und dem Gejohle der Beduinen. Sie blickten zumeist nach unten. Und dabei entdeckten sie den Frühling. In der Gegend von Abuhahar, Hamam, Sebka und Deir-ez-Zor, wo die Bäume immer seltener wurden, kam der Frühling unerwartet, er kam, wenn die dünnen und langen Halme der Grasbüschel zu grünen begannen. Anfangs wussten sie nicht, wie man sie essen könnte. Ihr Zahnfleisch blutete von den scharfen Grasrändern und sie verschluckten sich, wenn sie an den faserigen Halmen kauten. Schließlich aber erlernten sie von den geschicktesten und geduldigsten unter ihnen das Kunststück, Gras zu essen. Die Halme mussten in der Hand dicht zusammenpresst werden und man streute etwas Salz darüber, damit das Grasbüschel Feuchtigkeit absondere. Dieses wurde nicht auf einmal zerkaut, sondern zunächst mit dem Speichel, soviel desselben im ausgetrockneten Mund gesammelt werden konnte, aufgeweicht, und dann wartete man einige Minuten, bis der hungrige Mund es in eine Art Brei verwandelt hatte, der wie gekocht schmeckte. Als es auch keine Gräser mehr gab, riss Rupen die Graswurzeln aus der Erde und wusch sie im Wasser des Euphrat. Er zerschnitt sie in kleine Stücke, die, in Wasser eingeweicht, nach einigen Stunden verzehrt werden konnten.

Es regnete nicht. Und doch war der Himmel glanzlos. Die Nähe der Wüste ließ eine Art erstickenden Dunst entstehen, den der vom Wind aufgewirbelte Staub noch verdichtete. Hunde und Wölfe blieben zurück, doch waren an ihrer Stelle die Hyänen erschienen. Sie konnte man nicht so leicht fangen, weil sie flinker waren und mit der Trockenheit der Wüste wohlvertraut. Auch waren ihre Kadaver unauffindbar: wenn sie ihr Ende nahen fühlten, zogen sie sich in die Einöde zurück, aus der sie aufgetaucht waren. Übrig blieben die Raben, die man nur schwer erlegen konnte, da sie im perlmuttfarbenen Dunst von der leeren Luft, durch die keine Vögel flogen, nicht mehr zu unterscheiden waren. Und auch zwischen ihnen, den weißen und den schwarzen Engeln, hatte jeglicher Unterschied aufgehört.

Durch die giftigen Ausdünstungen, aber auch durch die türkischen Soldatenpferde, die im Umkreis des Lagers weideten, verkümmerte das Gras zusehends, und so beschlossen Hermine und Rupen nach sorgenvoller Beratschlagung, Sahag in die Gruppe der Kuriere aufnehmen zu lassen.

Meine Großväter, Garabet Vosganian und Setrak Melichian, hatten in den Stunden ihrer Einsamkeit nie Lieder der Deportation gesungen. Genauso wenig die anderen alten Armenier meiner Kindheit. Die Gedichte, die ich als Kind las, die Lieder, denen ich lauschte, erinnerten vor allem an die Fedayin, die in den Bergen gekämpft hatten, und nicht an die Massaker und Deportationen. Schweigend waren die Menschenzüge die Einweihungsstufen zum Tod hinabgestiegen. Vielleicht, weil der innere Schmerz zu groß war, um auch nur das Geringste nach außen dringen zu lassen. Vielleicht, weil sie nicht mehr glaubten, dass es danach noch etwas gäbe.

Doch selbst wenn nichts nach außen drang, so schrieben die Deportierten für sich doch einiges auf. Die schriftlichen Zeugnisse, die aus den sieben Kreisen des Todes überliefert sind, wurden auf den Straßen der Deportation verfasst, überall, wo sich ein Stück Holz, ein Kilometerstein, ein Baumstamm mit weicher Rinde, eine Mauer finden ließ. Lange Zeit noch, bis schließlich Regenfälle sie wegwuschen und Winde sie auslöschten, blieben armenische Worte und Buchstaben in Holz und Stein eingeritzt und eingegraben. Diejenigen, die vorbeizogen, ließen den Nachkommenden auf diese Weise Nachricht zukommen. Und diese, war noch etwas Platz vorhanden, fügten ihre eigenen Worte hinzu. In den Deportationslagern machten Papierfetzen die Runde, die einer dem andren weitergab. Weil man die Repressalien fürchtete, waren sie nicht unterzeichnet und mit keinem Datum versehen. Das war nicht notwendig. Die Wirklichkeit, mit Ausnahme des Schnees, der sich in Schlamm verwandelte und des Morasts, der sich in verirrten Staubwolken verflüchtigte, war unveränderlich.

Die Botschaften beschrieben die Lebensumstände eines jeden Todeskreises. Kuriere brachten sie von Lager zu Lager. Diese Boten wurden unter jungen Burschen ausgewählt, die flink genug waren, um sich ohne gesehen zu werden an den Wachposten vorbei zu stehlen. Und damit sie kräftig genug wären, die bevorstehenden Strecken so schnell wie möglich zurückzulegen, gab man ihnen auch Proviant mit. Einige kehrten nicht mehr wieder, sei es, weil sie in eine der weiter vorne befindlichen Kolonnen eingereiht wurden, so dass sich auf diese Weise ihr Todesweg verkürzte, sei es, weil sie unterwegs getötet worden waren. Aus diesem Grund meldeten sich die Kuriere immer freiwillig oder wurden aus den Reihen der Waisenkinder ausgewählt. Selten nur erklärten sich Eltern bereit, sich auf solchem Wege von ihren Kindern zu trennen. An diesem Ende der Todeskolonnen war es Krikor Ankut, der die Entscheidungen traf. Der ihm vom anderen Ende her, aus Deir-ez-Zor, antwortete und diese Aufgabe bis zum Augenblick versah, in dem er nach Erleiden unvorstellbarer Foltern getötet wurde, war Levon Schaschjan.

Krikor Ankut maß den Burschen mit dem Blick, versuchte ihn umzustoßen, indem er ihm mit der Handfläche über den Brustkorb schlug, doch fand Sahag die Kraft, aufrecht stehen zu bleiben und fiel nicht um. Da entschied der Mann, dass der Junge geeignet wäre. Der Weg nach Deir-ez-Zor nahm etwa sechs Tagemärsche in Anspruch, da aber die Kuriere vorzugsweise des Nachts unterwegs waren, um sich tagsüber in den Kuhlen der Uferböschung zu verbergen, dauerte er hin und zurück gute zwei Wochen. Sahag erfuhr den Namen des Kontaktmannes im Deportationslager von Rakka, der ihm den Proviant für die Strecke bis Deir-ez-Zor übergeben sollte. Rupen und Hermine standen abseits und sahen von ferne zu, ohne sich darüber Rechenschaft geben zu können, ob ihre Entscheidung dem Sohne später helfen oder schaden würde. Irgendjemand war als Wächter vor dem Zelt aufgestellt worden, während ein anderer ein mit Wasser gefülltes Gefäß brachte. Hermine wusch Sahags Rücken sorgfältig; danach legte sich der Junge, das Gesicht nach unten gewandt und die Arme seitlich vom Körper abgespreizt, auf den Boden. Krikor Ankut tauchte die Feder ins Farbfässchen und begann langsam auf die Haut des Jungen zu schreiben: er bedeckte seinen Rücken bis zum Steißbein mit großen und zumeist auf ihre Grundlinien reduzierten Schriftzeichen. Er beeilte sich, denn er wollte die Haut des Jungen, der ohne mit der Wimper zu zucken das Kratzen der Feder ertrug, nicht über die Maßen aufschürfen. Erleichtert wurde seine Arbeit durch die Tatsache, dass sich die Haut über die bloßen Knochen spannte. Einige Zeit noch blieb der Junge bewegungslos, damit die Farbe trocknen konnte. Danach vermischten sie in einer Schale etwas Erde und Wasser, kneteten einen dünnen Lehm daraus und bedeckten damit seine Schultern. Auf diese Weise, lehmverschmiert, war er nur wenig schmutziger als vorher. Man fragte ihn, ob er schwimmen könne, worauf er antwortete, er sei am Ufer des Bosporus aufgewachsen. Danach zeigte ihm Krikor mit dem Finger im Sand zeichnend den Weg nach Deir-ez-Zor. „Du gehst nachts. Entlang des Euphratufers und entfernst dich nicht von ihm. Wenn du merkst, dass ein Entrinnen unmöglich wird, springst du ins Wasser und hältst dort so lange aus, bis die Farbe aufgeweicht und abgewaschen ist. Sie müssen nicht wissen, was da geschrieben steht. Und genauso auf dem Rückweg. Vor allem auf dem Rückweg.“

Hermine nahm den Proviant für den Jungen entgegen. Sie behielt für seine kleine Schwester je eine Handvoll Weizen- und Reiskörner, dann umarmte sie ihn und er verschwand in der Nacht. Sie sagten einander nicht Lebewohl. Inmitten des allgegenwärtigen Todes lernten sie diesen als unumgängliche Wirklichkeit akzeptieren und hatten deshalb längst schon voneinander Abschied genommen.

Sahag befolgte die Anordnungen gehorsam. Er teilte seinen Proviant ein, hungerte drei Tage, blieb aber in Rakka nicht stehen, weil er befürchtete, diesen Ort nicht mehr verlassen zu können. In Deir-ez-Zor angekommen, suchte er Levon Schaschjan auf. Dieser wischte die Lehmschicht ab und las Krikor Ankuts Botschaft. Daraufhin reinigten sie ihn, um ihm neue Buchstaben auf den Leib zu schreiben, und breiteten wiederum eine aus Schlamm und Asche vermengte Schutzschicht über seinen Rücken. Bei seiner Ankunft reichte ihm Krikor Ankut zunächst eine Holzschale mit Wasser und eine Handvoll Bulgur. Er beauftragte die Frauen, ihn zu säubern und als er gelesen hatte, verlangte er, allein gelassen zu werden. Eigenhändig entfernte er die Schriftzeichen vom Rücken des Knaben, umarmte ihn und sagte: „Erzähle niemandem von dem, was du in Deir-ez-Zor gesehen hast. Die meisten werden es dir ohnehin nicht glauben und so nützt es dir nichts. Kehre zu deinen Eltern zurück.“ Als sie ihn erblickte, schloss Hermine ihren Sohn in die Arme und begann zu weinen. Sie weinte nicht so sehr vor Freude als vielmehr aus Mitleid.

Mitte April wurde das Lager von Dipsi aufgelöst und die letzten Kolonnen brachen entlang des Euphratstromes auf. Das Lager war von Soldaten und berittenen Gendarmen umzingelt worden. Mit Knüppeln und Karbatschen waren sie über die Zelte hergefallen, hatten die notdürftigen Schlafstätten aufgewühlt und die Menschen an den Rand gedrängt, wo sich allmählich die Marschkolonnen bildeten. Als alle, die sich aufrecht halten und mit den Pferden im Gleichschritt laufen konnten, die Zelte verlassen hatten ohne dabei auf die Sterbenden Rücksicht nehmen zu können, wurde der Aufbruchsbefehl erteilt. Nach etwa einer Stunde, in der sie den Hügeln entgegengegangen waren, richteten die Verschleppten den Blick noch einmal zurück auf das Krankenhaus-Lager Dipsi und sie sahen von dort einen dicken Rauch aufsteigen. Die Zelte hatte man mit Benzin besprengt und dann waren sie angezündet worden. Farbe und Form der Rauchsäulen wiesen sie unmissverständlich darauf hin, dass zusammen mit dem Zelttuch auch menschliche Körper brannten, ausgetrocknete oder noch feuchte, die Sterbenden, alle ohne Unterschied.

RAKKA. DER SECHSTE KREIS. Der Weg nahm mehr als eine Woche in Anspruch. Tagsüber herrschte eine sengende Hitze, die Nächte aber waren unwahrscheinlich kalt. Die Menschen gingen immer langsamer. Sie wankten. Diesen betäubten Scharen, bereits gleichgültig gegenüber den Befehlen und den Peitschenhieben der berittenen Wachleute, blieb zumindest eines erspart: die Gefahr, von bewaffneten Banden angegriffen zu werden. Denn zu holen war bei ihnen nichts mehr. Nur wenn sie rasteten, näherten sich die Araber, um mit kleinen Weizensäcken Mädchen zu kaufen. Die Kolonne hielt sich ans rechte Ufer des Euphrat und erreichte schließlich Sebka, das Lager, das sich auf dem der Stadt Rakka gegenüberliegenden Ufer befand. Von hier aus musste diese wie ein wundersames und verbotenes Eiland erscheinen. Die Wasser des Euphrat vermochten zwar den Durst der Deportierten zu stillen, doch immer seltener fand sich Essbares. Ab und zu warfen die Gendarmen, im Galopp vorbeipreschend, Lebensmittelbeutel, die von den ausländischen Konsulaten oder den christlichen Niederlassungen hierher entsandt worden waren, zwischen die Hungernden. Da sie aber auf einen Haufen fielen, wurde ein Großteil derselben unbrauchbar. Die Menschen zerrten und zogen an den Mehl- und Zuckersäcken, so dass deren Inhalt zwischen den gierigen Fingern in Wolken zerstob. Andere Hilfsgüter wie etwa Kichererbsen oder Reiskörner konnten nicht verzehrt werden, weil die dazu nötigen Zähne fehlten. Unzerkaut wurden sie verschluckt, doch der Magen konnte sie nicht verdauen, teils, weil er es schlichtweg verlernt hatte, teils, weil ihm in Folge der Dysenterie die Zeit dazu fehlte. Rupen ging nicht mehr auf die Jagd, da die Hunde immer rarer geworden waren und die Wölfe in Rudeln umherschweiften. Nicht selten geschah es, dass sie über diejenigen, die im Müll nach Essbarem suchten, herfielen und sie auffraßen. Er schloss sich denen an, die die Toten auflasen. Er nahm Teil am Ausheben der Massengräber. Diese Aufgabe wurde jetzt durch die Tatsache erleichtert, dass man sich mit dem Spaten nicht mehr gegen den festen und klebrigen Boden stemmen musste, sondern den Sand einfach aufschaufelte, als wollte man die Dünen nur etwas umgruppieren. Doch war dies Unterfangen auch nicht gerade leicht zu nennen, wenn man bedenkt, dass diesmal die Gruben viel tiefer ausfallen mussten, da sonst die Erde über den Gräbern vom Wind davongetragen worden wäre, hin und her geweht wie tanzende Deckel, so dass die Toten unbedeckt hätten bleiben müssen.

An den Massengräbern hatte niemand Gebete verrichtet. In ihnen wurden vor allem die jüngst Verstorbenen verscharrt. Von den Menschenkolonnen, die an isolierte Orte geführt wurden, um sie leichter zersprengen und abschlachten zu können, über die Konzentrationslager und den Tod durch Erschießen, Aushungern, Ertränken in eiskaltem Wasser oder dem lebendigen Verbrennen der Sterbenden, sollten alle diese auf den Wegen Anatoliens von Konstantinopel bis Deir-ez-Zor zur Ermordung der Armenier angewandten Tötungsmethoden später von den Nationalsozialisten gegen die Juden eingesetzt werden. Nur dass in den nationalsozialistischen Lagern die Toten statt der Namen Nummern trugen und diese makabre Nummerierung die Ruchlosigkeit der Verbrechen gegen das jüdische Volk noch vermehrte. Die Toten, die in Folge des Vernichtungsplans, der gegen das armenische Volk ausgeheckt wurde, auf den Wegen Anatoliens geblieben waren, sind – immer vorausgesetzt, dass man Verbrechen dieses Ausmaßes überhaupt miteinander vergleichen kann – nicht zahlreicher, wohl aber sind sie ungezählter. Die Namen, die uns überliefert sind, gehören zumeist den Henkern: Namen von Gouverneuren, Lagerkommandanten, Paschas, Beys, Aghas, Tschauschen. Die Opfer tragen selten Namen. Niemals war der Tod, der in jedem Kreis ein weiteres seiner Gewänder ablegte, seinem eigenen Kern näher gekommen, niemals war der Tod namenloser gewesen.

Noch wurden keine Traditionen ausfindig gemacht, die Auskunft darüber erteilen würden, wie Massengräber zustande kommen. Wie die Grube ausgehoben wird, in welcher Weise die Toten beerdigt werden müssen, ob zunächst die Männer, danach die Frauen und zuoberst die Kinder, wie sie gewaschen werden, welcher Kleidernorm sie verpflichtet sind, welche Gebete der Priester zu ihren Häupten sprechen und an welche ewige Ruhe im Jenseits er gemahnen wird, wie das Kreuz beschaffen ist, welches aufgestellt wird, und wie viele Arme es haben muss, dieses Kreuz, und was überhaupt darauf geschrieben werden soll. Nichts von alledem. Jedes Massengrab ist eigenen Gesetzen unterworfen, so dass die einzige Gemeinsamkeit aller Massengräber nur die Eile ist, mit der sie ausgehoben werden. Und deshalb suchen wir hier vergeblich beständige Bräuche: es gibt keine Tradition, die in Eile abgewickelt werden könnte.

Gräber werden benannt und geschmückt, damit die dort Bestatteten nicht gänzlich dem Vergessen anheimfallen. Die Massengräber wurden gemacht, damit die hineingeworfenen Toten umso schneller vergessen werden. Die Massengräber sind der schuldbeladenste Abschnitt der Geschichte.

Ausgehend von diesem innersten Kern des namenlosen Todes, habe ich sieben Kreise aufgezeichnet mit dem Zentrum in Deir-ez-Zor. Im von ihnen abgesteckten Raum, wobei der weiteste Umkreis über Mamura, Diyarbakir und Mosul verläuft, waren damals mehr als eine Million Menschen gestorben, ungefähr zwei Drittel aller Toten des armenischen Genozids. Wir wissen, dass sie dort waren und dass unter denen, die die Kreise des Todes betreten hatten und die nicht zwangsislamisiert, als Sklaven verkauft oder in Harems gesteckt wurden, fast niemand mit dem Leben davonkam. Irgendwo ereilte der Tod einen jeden. Es gibt auf dieser Welt keine armenische Familie, die nicht einen in den Kreisen des Todes wie in einem Strudel Verschwundenen zu beklagen hätte. Du wirst am Rande eines jeden Massengrabes beten können, wenn du daran denkst, dass da einer deiner Familienangehörigen verscharrt wurde.

Rupen wusste, dass er eine nützliche Arbeit verrichtete. Der Tod war ein Zufluchtsort für die gedemütigten Lebenden, und die Massengräber waren ein Obdach für die geschmähten Toten. Doch gab es einen weiteren Grund, weswegen Krikor Ankut zusammen mit den anderen Männern beschlossen hatte, die Toten so schnell wie möglich aus den Zelten zu entfernen und die Fertigstellung der Massengräber zu beschleunigen. Vor einigen Tagen hatten sie aus einem Zelt, in dem eine zahlreiche Familie lebte, einen Toten ohne Gesicht herausgezogen. Eingehend betrachteten sie die Leiche mit ihren angefressenen Wangen, die den Eindruck erweckte, als hätten Ratten an ihr genagt. Doch gab es im Lager keine Unterschlüpfe. Also gab es auch keine Ratten. Begriffen hatten sie es alle, doch verloren sie kein Wort darüber, versprachen auch nicht zu schweigen, doch fühlten sie, dass niemand über ein solch entsetzliches Vorkommnis erzählen könnte. Als sich die Anzeichen ähnlicher Vorfälle vermehrten, beschlossen die Männer, jeden Morgen und jeden Abend eigenhändig die Zelte nach Leichen abzusuchen, damit keine für längere Zeit in denselben bliebe.

Neue Garnisonen wurden von Aleppo nach Rakka und Sebka entsandt. Soldaten und Gendarmen hielten sich weitab vom Lager. Es war nicht schwer zu bewachen. Seinen nördlichen Rand bildete das Ufer des Stromes: der Euphrat aber war selbst für einen Mann im Vollbesitz seiner Kräfte nur mit Mühe zu durchschwimmen. Links und rechts breiteten sich Ebenen aus, die keinen Unterschlupf boten, und im Süden begann die Wüste. Und tatsächlich war die Flucht, wenn man einmal von den kleinen Kurieren absah, die überall durchkamen, nur wenigen gelungen: sie verschwanden in der bunten Menge der Jahrmärkte von Rakka und begannen hier ihren Weg zurück, in der den Deportationskolonnen entgegengesetzten Richtung, nach Bab und Mamura, oder gen Norden, nach Urfa.

Die Soldaten jedoch bewachten nicht nur die Menschen. Sie überwachten auch die wilden Tiere und sogar die Vögel. Die Angst vor den Seuchen, von denen die Deportationszüge heimgesucht wurden, war nämlich groß unter den Bewohnern von Rakka und auch bei den Beduinenstämmen. Deshalb hatte der Gouverneur von Aleppo den Totengräbern, die nicht zu den Deportationskolonnen gehörten, verboten, sich dem Lager zu nähern. Die Karren aber, die hierher geschickt worden waren, überließ man gänzlich den Deportierten. Am Ende wurden die Pferde, die nicht auf der Jagd nach Essbarem von den Lagerinsassen selbst getötet worden waren, erschossen. Die Epidemien hatten nämlich ungehindert um sich gegriffen und waren furchtbar und unheilbar geworden. Die Pferde aber hätten zu ihrer Verbreitung beitragen können.

So wie sie da saßen und in die Richtung der Zelte blickten und dabei ihre Stiefel blank bürsteten, ihre Pferde striegelten oder ihre Waffen säuberten, erschienen die Soldaten in ihren neuen Uniformen wie für eine Parade herausgeputzt. Die Gesichter der Deportierten sah man nicht, weil sie entweder zu weit weg waren, oder weil die Soldaten, wenn sie sich ihnen näherten, um ihnen die Hilfspakete zuzuwerfen, im Galopp vorbeipreschten, oder aber weil diese Gesichter überhaupt bedeutungslos waren.

Im Übrigen beruhte diese Wahrnehmung auf Gegenseitigkeit. Für die Deportierten trugen die Soldaten alle ein und dasselbe Gesicht, während für diese die Verschleppten überhaupt kein Gesicht, ja nicht einmal menschliche Eigenschaften hatten. Denn der Befehl war ihnen erteilt worden, erbarmungslos auf alles, was es wagen würde, den sechsten Kreis zu verlassen, Mensch, Tier oder Vogel, zu schießen.

Während die Deportierten sich nach diesen langen Monaten der Erschöpfung und des Hungerns immer ausgemergelter fühlten, waren die Soldaten immer ausgeruhter, da die ersteren immer leichter zu bewachen waren und die eingelegten Wegpausen immer häufiger aufeinander folgten. Dass aber die Deportierten ihre Blöße mit den übrig gebliebenen Fetzen kaum noch bedecken konnten, die Soldaten hingegen in stets erneuerten Uniformen auftauchten, die immer glänzender ausfielen, und selbst ihre Pferde immer grelleres Zaumzeug zeigten – dies musste die Ungleichheit zwischen Bewachten und Wächtern noch vergrößern.

Den Männern war es gelungen, sich in einer Weise zu organisieren, die ihnen erlaubte, die Leichen so schnell wie möglich einzusammeln. Traf eine neue Menschenkolonne aus Abuhahar und Hamam ein, wurde das Netzwerk der Leichensammler sofort auch auf sie ausgedehnt. Sie hatten begonnen, im Rhythmus des Todes zu arbeiten. Doch hatte dies verhängnisvolle Folgen, da der Tod, der sich ertappt fühlte, seinen Rhythmus beschleunigte. Auch gab die Tatsache, dass die Lagerinsassen von Sebka begonnen hatten, sich einer anderen Ordnung als derjenigen des Todes zu unterwerfen, den Soldaten allmählich zu denken: denn derjenige, der es wagt, dem Tod zu trotzen, wird sich schließlich einem jeden auf dieser Welt widersetzen können. Und sie begannen, um die Unordnung in ihre alten Rechte einzusetzen, den Abmarsch der Todeskolonnen Richtung Deir-ez-Zor zu beschleunigen. Im Lager von Sebka aber wurden die Leichensammlertrupps neu organisiert; ihr Kontingent wurde vor allem aus Angst vervollständigt, aus Angst nicht so sehr vor dem Tod, als vielmehr vor den Übergriffen aus den eigenen Reihen.

Diese Fähigkeit zur Selbstorganisation, so außergewöhnlich sie in einem Lager von Zerlumpten und beinahe Todkranken anmuten musste, konnte in Sebka von den Autoritäten noch mit Gleichgültigkeit hingenommen werden, da es sich hier nur um einige tausend Zelte handelte. In Deir-ez-Zor hingegen, im innersten Kern des siebten Kreises, dort, wo die Zahl der Deportierten in die Zehntausende ging, musste dieser Wille zur Selbstorganisation gefährlich erscheinen.

Deshalb hatte der Lagerbefehlshaber eines Morgens ausrichten lassen, dass sich alle Männer zwischen fünfzehn und sechzig Jahren am Rande des Lagers einzufinden hätten. Sie sollten zu Terrassierungsarbeiten abkommandiert werden. Und, selbstverständlich, ihnen würden auch Essensrationen und Trinkwasser ausgeteilt werden. Sie traten also aus den Zelten und einige glaubten sogar, dass der angekündigte Arbeitseinsatz nur bedeuten konnte, dass sie gebraucht wurden und dass sie folglich verschont würden. Andere näherten sich zögernd und erst nachdem die Tschausche wiederholt gedroht hatten, sie zu Pferde aus den Zelten zu zerren. Andere wiederum, darunter auch Rupen, reihten sich gleichgültig in die Arbeitskolonne ein. Seitdem er Jagd auf Engel machte, ohne allzu sehr auf ihre Farbe zu achten, sondern allein auf das faserige Fleisch unter ihren Federn, war Rupen innerlich leer geworden und lebte nur noch, um seine Kinder zu verteidigen. Als deshalb Sahag, der sich ausgerechnet hatte, mit seinen vierzehn Jahren für älter durchzugehen und so zwischen die Männer aufgenommen zu werden, hinter Rupen auftauchte, da zwang ihn dieser stehen zu bleiben und versetzte ihm zwei Ohrfeigen, dass dem Jungen davon Hören und Sehen vergingen und er gehorsam zurückblieb.

Einige jedoch hatten sich in den Kopf gesetzt, versteckt zu bleiben. So etwa der Ehemann der Frau aus dem Zelt nebenan, mit denen sie sich befreundet hatten. Gemeinsam bildeten die zwei eine perfekte Einheit und deshalb konnte ein jeder von beiden, der Mann wie auch die Frau, die Gestalt des jeweils andren mühelos nachahmen. Schlank, mit schmalen Hüften und kleinen Brüsten, und bei der Bildung der Marschkolonnen in Männerkleidung gehüllt, entging die Frau der Aufmerksamkeit der Soldaten und konnte sich auch erfolgreich vor den Frauenräubern verstecken. Und der Mann, schmächtig, mit bartlosen Wangen und in der Wildnis schulterlang gewachsenen Haaren, verkleidete sich als Frau, um mit angehaltenem Atem die Durchsuchung der Zelte über sich ergehen zu lassen. Doch dazu kam es nicht. Als die Männer nämlich eingereiht und abgezählt waren, entschied man, dass fünfhundert eine zufriedenstellende Zahl sei und man gab den Abmarschbefehl.

Wie man es auch nimmt: der Männeranteil in den Scharen der Verschleppten war sichtlich geschrumpft. Auf ihrem Todesmarsch gen Deir-ez-Zor waren die Männer die bevorzugten Opfer kriegerischer Angriffe gewesen. Um Verwechslungen auszuschließen, wurden an einigen Orten die Menschenzüge von vorn herein in Männer und Frauen gesondert. Die Männer aber wurden entweder von in Hinterhalten versteckten bewaffneten Banden niedergemetzelt oder von den Soldaten selbst, die sie bewachen sollten. So kam es, dass der Großteil der Menschentrecks aus Frauen, Kindern und Greisen bestand, wobei die letzteren, da sie mit den andern nicht Schritt zu halten vermochten und bevor sie noch Sebka erreichten, fast alle umgekommen waren. Einige der Deportationszüge, vor allem diejenigen, die aus dem Westen ankamen, hatten bis hierher mehr als tausend Kilometer zurückgelegt.

Die zwei Ohrfeigen, dem Sohn nicht in Zorn, sondern in Verzweiflung verabreicht, waren Sahags letzte Erinnerung an seinen Vater, Rupen Scheitanjan. Die Männer waren gen Süden abgeführt worden, in Richtung der syrischen Wüste, und wurden dort erschossen. Allbezwingend aber war der Tod ins Lager zurückgekehrt, überzog es wie ein grünes Seidentuch, zersetzte es wie sumpfiges Wasser.

Als Hermine sich mit ihren Kindern und den zwei Verliebten der Abmarschkolonne anschloss, ging der Frühling zu Ende. Die Wasser des Euphrat hatten sich etwas beruhigt und waren klarer geworden. Da nun die Vilâyets entlang der zwei Euphratquellen von Armeniern entleert waren, hatte auch die Zahl der Leichen im Strom abgenommen: an Stelle der Kadaver, die von Fischen aufgefressen, von Strudeln verschluckt und an den Uferböschungen hängengeblieben waren, wurden keine neuen nachgeschwemmt. Wie jedes andre Grab auch, hatte sich der Euphrat geschlossen und machte nun wieder dem Leben Platz.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Deportierten, hätte sie der Weg von Meskene nach Deir-ez-Zor durch eine andre Gegend geführt, schon längst vor Durst gestorben wären. Vor allem als die sengende Hitze begann. Lange Zeit hatte der Strom das Wasser des Todes mit dem des Lebens vermischt. Jetzt aber schenkte er ihnen seine durchsichtig gewordenen Wellen. Und so sollte es auf dem ganzen Weg bis Deir-ez-Zor bleiben, wo der Euphrat die Menschenzüge ihrem Schicksal überließ, um dem Zusammenfluss mit dem Tigris entgegenzueilen.

DEIR-EZ-ZOR. DER LETZTE KREIS. Der Menschentreck war am ehesten mit einem Zug von Spukgestalten vergleichbar. Im Wehen des Windes schienen sie gewichtlos zu sein, ein Schwarm fallender Vögel, nicht aber eine Abfolge menschlicher Wesen. Die Fotografien, die von fremden Reisenden, die sich den Zügen der Deportierten nähern konnten, gemacht wurden, oder denen es gelungen war, die in Erwartung des Todes am Wegrand zurückgebliebenen Kranken zu fotografieren, zeigen uns auf dem Weg nach Deir-ez-Zor vor allem Kinder. Der Marsch zum siebten Kreis war eine Art Kreuzzug der Kinder. Und er hatte dasselbe Schicksal wie alle unbewaffneten Kreuzzüge. Die Kinder auf diesen Lichtbildern sind Knochengerippe mit abgezehrtem Rumpf, eingeschrumpftem Bauch, Rippen, die wie Stahlfedern über der Magengrube zittern, abgemagerten Händen und Beinen, die an Zweige erinnern, mit überdimensionalen Köpfen und übergroßen Augenhöhlen, aus denen der Augapfel herausquillt oder in den Schädel zurücktritt. Kein andrer Ausdruck als der geistiger Verwirrtheit ist in den Augen der Kinder auszumachen, sie blicken wie aus einem Jenseits zurück, sie strecken die Hände nicht aus, sie verlangen nichts. In ihren Augen ist kein Hass: sie haben zu wenig gelebt, um verurteilen zu können. Auch keine Bitte: denn sie haben vergessen, was der Hunger ist. Und keine Traurigkeit: denn sie haben die Freuden der Kindheit nicht erlebt. Und kein Vergessen: denn sie haben keine Erinnerungen. In ihren Augen nistet das Nichts. Das Nichts, die Fensternische, die sich zum Jenseits hin öffnet.

Stürzte eine Frau, so war auch ihr Kind dem Tode verfallen. Meistens blieb es in Erwartung des gemeinsamen Endes neben der Mutter sitzen. Hermine erblickte mit Beklemmung die Röte des Typhus auf dem Gesicht ihrer Tochter. Unter der brütenden Sonne verbreiterten sich die roten Flecke zusehends. Hermine ging vorwärts und drückte dabei das Mädchen, das sie auf den Schultern trug, so gut es ging an sich. Tränen flossen ihr über die Wangen. Sahag wollte ihr helfen, doch ließ ihn die Mutter, um ihn vor einer möglichen Ansteckung zu schützen, nicht in die Nähe kommen. Auch sie selbst berührte ihn nicht mehr, erforschte ihn nur, wenn er schlief, mit dem Blick und suchte mit angehaltenem Atem nach den Anzeichen der Krankheit. Manchmal glaubte sie, zitternd vor Angst, diese bereits entdeckt zu haben. Und dann atmete sie meistens erleichtert auf, denn es waren nur Staubflecke gewesen, die, mit Schweiß vermischt, die Farbe getrockneten Blutes annahmen. Sie versagte es sich, den Sohn im Schlaf zu umarmen und streichelte nur ihr Töchterlein. Sie achtete nicht auf die Ansteckungsgefahr. Ja, bewusst suchte sie die Nähe der Kranken, da der Gedanke, das Kind unbegleitet in die andere Welt zu entlassen, Hermine entsetzte. Sie wusste nicht, wie das Mädchen geheilt werden könnte und flehte deshalb in Gebeten um einen gemeinsamen Tod.

Der Weg von Sebka nach Deir-ez-Zor war von allen der längste und furchtbarste. Fast hundert Kilometer mussten zu Fuß bewältigt werden. Allmählich verbitterte die glühende Hitze auch die berittenen Soldaten, die in ihren Sätteln immer wieder einnickten, während sich die von ihnen beaufsichtigten Menschenkolonnen mit vom Sand verbrannten Sohlen vorwärtsschleppten. Deshalb wurde beschlossen, dass der Marsch in der Nacht fortgesetzt werden solle, so dass man tagsüber am Ufer sitzen konnte, wo vom Strom ab und an eine kühle Brise zu erwarten war. Die wenigen Männer, die übrig geblieben waren, improvisierten Zelte, die vor der tödlichen Hitze schützen sollten. Einige überraschte der Irrsinn im Schlaf: sie begannen zu zittern, schlugen um sich und mussten mit tüchtigen Hieben geweckt werden, um nicht im Schlaf zu ersticken. Andre wurden im wachen Zustand verrückt und brachen auf gut Glück in irgendeine Richtung auf. Weil sie aber die Fähigkeit sich zu schützen verloren hatten, war ihr Weg immer nur kurz: sie brachen bald von Kugeln durchbohrt zusammen.

Dies waren Menschentrecks ohne Schatten. Tagsüber auf der Erde ausgestreckt warfen sie keinen, fand sich aber irgendwo ein kühles Fleckchen, so hüllten sie sich in dasselbe wie in ein Laken ein. Wie der Schweiß klebte der Schatten an ihrem Körper. Nachts, wenn sie zögernd Fuß vor Fuß setzten, über Steine stolperten und in die Gräben am Rande des Weges fielen, wurden sie zu ihren eigenen Schatten. Die Menschenkolonnen waren dermaßen geschwächt, dass sie nicht einmal mehr die Kraft besaßen, einen Schatten zu werfen, um diesen wie ein Fischernetz hinter sich herzuziehen. Diese Menschentrosse ohne Schatten brauchten fast zwei Wochen, um von Sebka nach Deir-ez-Zor zu kommen.

Das Lager befand sich am rechten Ufer des Euphrat. Diesmal ging die Zahl der Zelte in die Zehntausende. Deir-ez-Zor war das letzte Zentrum gen Osten hin, wo noch Lager dieser Art betrieben wurden. Von Deir-ez-Zor aus gab es keinen Durchgang mehr in diese Welt.

Deshalb wurden den Deportierten keine weiteren Nahrungsmittel ausgehändigt. Und da die Vegetation spärlich war, die Zahl der Männer aber, welche die von Kadavern angelockten Wüstentiere hätten erlegen können, sich vermindert hatte, wurde der Hunger unerträglich. Die Körper waren so ausgemergelt, dass sich die Krankheiten nur noch schleppend ausbreiteten: der Organismus selbst war dermaßen kraftlos geworden, dass er sie nicht mehr zu nähren vermochte. Die Typhuskranken litten nicht mehr an Fieberschüben, weil keine Antikörper mehr gebildet wurden. Vor dem Hunger hatten sich die andren Krankheiten zurückgezogen. Sie überließen es diesem, Stücke aus dem Bauch herauszubeißen, die Haut von den Knochen zu ziehen und die Nieren auszutrocknen.

Immer weniger Vorfälle waren zu verzeichnen. Nachdem das Aufsichtspersonal des Lagers die Gruppe um Levon Schaschjan entdeckt hatte, welche nicht nur die „lebendigen Zeitungen“, das heißt die Waisenkindern auf die Haut geschriebenen Nachrichten, zwischen den einzelnen Lagern organisiert hatte, sondern auch ein im Rahmen der hier gebotenen Möglichkeiten funktionierendes Versorgungssystem mit Medikamenten und Nahrung und überdies ein Netzwerk der Leichensammler, das demjenigen im Sebkalager entsprach – nachdem also all dies aufgedeckt worden war, hatte man Levon Schaschjan aus dem Lager gezerrt und er wurde von Seki Pascha selbst, dem Oberbefehlshaber des Lagers, auf bestialische Weise ermordet. Im Lager blieb fortan jegliche Form interner Organisation unterbunden und als Folge war auch – so die Ansicht der Wachsoldaten – die Gefahr einer möglichen Revolte verschwunden. Das Lager aber verfiel in Lethargie. Die Furcht der Wachposten vor einem Aufruhr musste wohl ungerechtfertigt erscheinen, waren doch die Soldaten gut ausgerüstet, bis zur Langeweile ausgeruht und bis zu den Zähnen bewaffnet, während die zu Skeletten abgemagerten Deportierten im Taumel des Todes immer zerlumpter und mutloser wurden. Doch fürchteten sich die Wachleute wie auch die Obrigkeiten von Aleppo und Deir-ez-Zor tatsächlich. Die Soldaten waren dazu ausgebildet worden, gegen andere Soldaten zu kämpfen, ihre Waffen aber waren als Bedrohung von Feinden, die den Tod scheuen, angefertigt worden. Man hatte keine solchen Waffen erfunden, die jenen, die vor nichts mehr Angst haben, Furcht einflößen könnten. Den erschöpften und vom Hunger ausgezehrten Deportierten war es nicht bewusst, dass gerade ihre Akzeptanz des Todes zu einer Kraft wurde, die gefürchtet werden musste. Und obgleich diese Kraft, die die Abwesenheit der Todesfurcht verlieh, mit jedem neuen Kreis weiter wuchs, war der Durchgang durch die sieben Kreise des Todes kein Weg des Aufruhrs gewesen. Er war vielmehr Erwartung des Todes. Und dieser, im Lager umherirrend, war einer von ihnen geworden, auch er ein Opfer der Vernichtungskreise von Deir-ez-Zor.

In die Außenwelt aber drang nichts weiter als ein leises Murmeln. Ein deutscher Reisender, dem es gelungen war, die Deportierten in Deir-ez-Zor aus der Nähe zu beobachten, blieb nicht so sehr von den offensichtlichen Gräueln zutiefst betroffen, als vielmehr von einem Detail: an diesem entsetzlichen Ort hatte er keine weinenden Menschen gesehen. Genauer gesagt, er hatte nicht gesehen, was wir unter gewöhnlichen Bedingungen unter einem Menschen, der weint, verstehen: er hatte keine Tränen gesehen.

Doch ist es nicht wahr, dass die Menschen hier nicht geweint hätten. Nur dass sie es anders taten. Diejenigen, die noch die Kraft hatten, aufrecht zu sitzen, wiegten sich hin und her, die andren weinten mit weit aufgerissenen Augen, die zum Himmel gerichtet waren. Doch war dies Weinen eine Art ununterbrochenes Stöhnen, das mit leiser Stimme hervorgestoßen und von tausenden Körpern wiederholt, als ein einziger lang angehaltener Ton zu vernehmen war. Das Weinen war keine auf der Wange hinterlassene Spur, sondern ein Geräusch. Dieser Ton, dahinfließend ohne Ende und in Übereinstimmung mit der umgebenden Welt, klang wie das Brausen des Windes in den Dünen oder das Fließen des Euphratstromes, und er versiegte nicht einen Augenblick, bis endlich auch die letzten Menschentrosse aus Deir-ez-Zor auf die Hochebenen geführt worden waren, wo alle getötet wurden. Dieses trockene Weinen ersetzte auch das Gebet, den Fluch, das Schweigen, das Bekenntnis, und bei manchen ersetzte es sogar den Schlaf. Und während sie weinten, schliefen viele ein, andere starben weinend und das Stöhnen zitterte noch in ihrer bereits erstarrten Brust wie in einer Orgelpfeife nach. Ich habe dies Weinen gehört, wenn sich mein Großvater Setrak auf der Liege im Garten hin und her wiegte und dabei vor sich hinmurmelte, oder wenn Großvater Garabet sich in seinem Zimmer einschloss und das Geigenspiel plötzlich aufhörte.

Zu Beginn, vor allem da es von Wassern und Wind wiederholt von allen Seiten über sie hereinzubrechen schien, verstörte dies stöhnende Weinen die Soldaten. Danach gewöhnten sie sich daran. Der langgezogene Ton erwies sich als größerer Garant der Sicherheit als jeder Wachposten: solange er gleichmäßig weiter erklang, war nichts Ungewöhnliches zu befürchten. Er hätte aufgehört, wenn die Menschen auch eine andere Beschäftigung gefunden hätten, als die zu sterben oder ihre Toten zu beklagen. Er würde aufhören, sagten die Soldaten, wenn die Deportierten aufsässig würden oder allesamt stürben. Die Deportierten aber wurden nicht aufsässig, mit Ausnahme der verrückt gewordenen, die zumeist mit einer Kugel in der Brust auf den benachbarten Weiten ein schnelles Ende fanden. Auch starben sie nicht sofort, denn der Tod, hatte er diese lange Zeit in ihrer Mitte geweilt, begann, so schien es, sie zu lieben. Und obgleich die Lager nach einigen Monaten aufgelöst und die Deportierten zu gleicher Zeit fast alle getötet worden waren, hörte der langgezogene Ton in Deir-ez-Zor nicht mehr auf.

Damals jedoch, allein auf dieses Geräusch hinhorchend, das sich ein eigenes Flussbett gegraben hatte, breiter noch als jenes des Euphrat, bereitete den türkischen Soldaten die Bewachung des Lagers von Deir-ez-Zor kein weiteres Kopfzerbrechen. Im Süden und Osten war die Überwachung dank der Wüste, die hier begann, unnötig. Jeder, der versucht hätte, in diese Richtung zu fliehen, wäre mit Sicherheit gestorben. Und dann war da noch der Euphrat, der am Lager entlang floss. Aber ihn zu überqueren war hoffnungslos.

Deir-ez-Zor war eine Zeit lang der Bestimmungsort aller Deportationszüge, ohne dass die Behörden entschieden hätten, was weiter aus diesen werden solle. Wahrscheinlich hatten sie damit gerechnet, dass die Menschentrosse auf den beschwerlichen Wegen nach und nach verschwinden würden, so dass Deir-ez-Zor nur eine Art Lazarett gewesen wäre, in dem diejenigen, die sich trotzdem bis hierher geschleppt hätten, sehr bald draufgegangen wären, eine Art Hastahane also, wie es solche in Tefridsche und Lale gab. Obgleich sich ihnen aber Gelegenheiten zum Sterben zuhauf geboten hatten, schienen einige hunderttausend Deportierte fest entschlossen, vom Leben nicht zu lassen. Genauer gesagt, sie vergaßen einfach zu sterben. Das Lager wurde immer überfüllter und immer weniger überschaubar und zwar nicht so sehr aufgrund der hier zusammengepferchten Menschen, als vielmehr aufgrund der Plagen, von denen sie heimgesucht wurden oder die sie selbst hervorbrachten: den Epidemien und Miasmen. Und da die Obrigkeiten in der Hauptstadt des Reiches auf eine schnelle und endgültig Lösung der armenischen Frage drängten, verwandelte sich Deir-ez-Zor aus dem Bestimmungsort der Reise zum Übergangsaufenthalt. Nur handelte es sich nicht mehr um den Übergang von einem Lager in ein andres, sondern um die Passierstelle zwischen zwei Welten.

Unter allen Leiden erwies sich der Hunger als unüberwindlicher als Krankheiten und Schmerzen. Das Lager von Deir-ez-Zor hatte keine Lebensmittelquelle mehr und so, zur zufälligen Nahrungsbeschaffung von Gräsern, den Gaumen aufreizenden Früchten, wildem Honig und Tierkadavern gezwungen, befand es sich in einem haarsträubenden Zustand. Die Körpergerippe bewegten sich, um Wasser zu trinken, mit strauchelndem Schritt auf den Euphrat zu. Dort setzten sie sich, stöhnend und sich vor und zurück wiegend, hin. Das Gesicht aber hielten sie unter die glühende Sonne, als wollten sie sich vom Licht ernähren wie Pflanzen. Einige, deren Sinn für alle anderen Dinge und Gefühle abhanden gekommen war, steckten, getrieben vom Hunger, alles, was ihnen in die Hände fiel, in den Mund: sie nagten an Baumrinden, an Fetzen, die vom salzigen Geschmack des Schweißes durchtränkt waren, oder fraßen Fäkalien, die bei den Ausgehungerten hart und winzig waren wie Ziegenmist. Nach der Ermordung von Levon Schaschjan und den andren, die in den Massengräbern schuftend versucht hatten, die Toten rechtzeitig aus den Zelten fortzuschaffen, begann man die Auslieferung der Leichen wieder hinauszuzögern. Wieder bemerkte man Tote ohne Gesichter, Tote, denen eine Hand oder ein Fuß fehlten. Diejenigen, die alle paar Tage die Zelte nach Leichen absuchten, zeigten sich vom Anblick der verstümmelten oder verwesten Kadaver nicht mehr erschüttert. Einige hatten es sogar auf diese abgesehen und waren aus Raben- und Hyänenjägern zu Totenjägern geworden. Deshalb wurden sie vorher von den Zeltbewohnern eingehend gemustert. Denn diese wollten ihren Toten nicht jedem Beliebigen überlassen.

Und selbst so erwies sich die Aufgabe der Leichensammler als eine nicht gerade leichte. Immer schwieriger wurde es nämlich, die Toten von den Lebendigen zu unterscheiden. Die Lebenden kauerten stundenlang unbeweglich an einem Ort oder schliefen oft mit offenen Augen ein und erblindeten dabei von der Hitze, die ihnen das Gallert des Augapfels versengte. Die großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht aber bewirkten, dass die Toten manchmal zusammenzuckten: immer wenn die Gelenke von der Sonne aufgeweicht wurden, oder, im Gegenteil, wenn sie sich im Frost der Nacht zusammenzogen. So begann man Tote wie Lebende auf gut Glück einzusammeln, und einige von ihnen, fielen sie über die anderen, wachten auf und kehrten noch vom Rande der Grube zurück.

Als der Aufbruchsbefehl erteilt wurde, bildeten sich die Menschenkolonnen von neuem. Einige wurden gen Osten, nach Marat und Suvar, geschickt. Andre richteten ihre Schritte auf dem Weg, der nach Damaskus führte, gen Westen. Doch erwartete ein und dasselbe Ende beide Gruppen. Auf einer Hochebene angekommen, welche die türkische Vorhut für ihr Vorhaben als geeignet erachtete, entfernten sich die Soldaten, kreisten den Tross der Verschleppten ein und begannen in die Menge zu schießen. Wenn dann keiner mehr aufrecht stand, pflanzten sie die Bajonette auf ihre Flintenläufe, holten die Jatagane hervor und metzelnd machten sie sich, damit die Schneide vollende, was von der Kugel verschont geblieben war, über die Körper her. Die einzelnen Scharen bestanden aus dreihundert bis fünfhundert Menschen. Ihr Schicksal war jedes Mal dasselbe, nur dass die Soldaten das Töten manchmal den Beduinen überließen und sich damit begnügten, am Ende lediglich das Ergebnis in Augenschein zu nehmen. Denn sie mussten sich davon überzeugen, dass die Arbeit gründlich verrichtet worden war.

Hermine erwartete mit dem Mädchen im Arm den Tod. Immer öfter zitterte die Kleine in der Nacht vor Kälte, so dass sich die Mutter über ihr ausstreckte, um sie ein wenig aufzuwärmen. Sahag war es gelungen, eine Handvoll grüner Datteln zu ergattern und einmal brachte er sogar einen Granatapfel mit, der vom Sattel eines Soldaten heruntergefallen war. Einen nach dem anderen, jeden lange unter der Zunge haltend, aßen sie die sauer-süßen Kerne. Im Nachbarzelt litten die zwei Verliebten Hunger, ohne nach etwas Essbarem Ausschau halten zu können. Die Frau nämlich ließ aus Angst, dass die Soldaten ihn bemerken und töten könnten, ihren Mann keinen Augenblick von ihrer Seite fort. Sie schienen sich einer vom andren zu nähren, und ineinander verschlungen hielten sie durch. Eines Abends aber, beim Hereinbrechen des Frostes, lösten sie sich aus der gegenseitigen Umarmung und erhoben sich. Sie hatten die Kleider abgelegt und die Frau überreichte diese Hermine. „Bedecke damit das Kind. Es zittert vor Kälte.“ Sie waren vollkommen nackt. Hermine betrachtete sie mit maßlosem Erstaunen. Der Grund für diese Verwunderung war nicht die Nacktheit der beiden. Diese war wie alles, was dem Körper widerfahren konnte, im Lager niemandem fremd. Sie waren aber wunderschön. Ein eigentümliches Licht flackerte in ihrem Blick. Ihr Haar hatte sich geglättet und leuchtete um die Stirn, ihr Fleisch war von einem unwahrscheinlichen Weiß, die Oberschenkel der Frau hatten sich gewölbt und ihre Brust hatte sich gerundet, und die Muskeln des Mannes waren gewunden und um die Knochen herum gestrafft. Wie in Perlen hatte sich das Licht auf ihren Schultern gesammelt und um sie herum bildete sich kein Schatten. „Wir sind gekommen, um Abschied zu nehmen.“, sagte er, doch war es, als bewegte er die Lippen überhaupt nicht. Dann nahm er seine Frau bei der Hand und sie entfernten sich. Ihre Silhouetten aber blieben, vielleicht auch dank des Lichtes, das ihre Körper umfloss, noch lange sichtbar. Und da sie so leuchteten und so unbekümmert vorwärtsschritten, als schwebten sie über dem Sandreich, erwarteten Hermine und Sahag mit gespitzten Ohren das Geräusch der Schüsse. Doch geschah nichts, auch nicht nachdem sich die Dunkelheit aufs Lager gesenkt hatte, um den Lehm und das Wachs der Leiber zu verhüllen. Geblieben war nur ein unbestimmter Duft ähnlich dem des Rauches von glühender Myrrhe und Ambra. „Sie sind gerettet.“, flüsterte Hermine. „Ich gehe, um sie zurückzurufen.“, sagte Sahag. „Dort drüben ist nur die Wüste. Sie werden sterben. Niemand ist je lebend aus den Dünen zurückgekehrt.“ Hermine aber forderte ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen auf und näherte sich ihm ein wenig. „Lass sie … Sie sind schön und ohne Sünde. Immer wieder muss ich daran denken, dass Rupen doch Recht hat.“ Sie sprach im Präsens von ihrem Mann wie über jemanden, der in die Ferne fortgegangen war und später wiederkehren wird, obgleich Rupen zusammen mit den andren Männern ihres Zuges zu dieser Zeit bereits tot war. „Rupen hat Recht. Gott ist gestorben. Lass sie nur gehen. Da, wo du sie das letzte Mal gesehen hast, am Rande des Lagers von Deir-ez-Zor, beginnt der Garten Eden. Da, einige Schritte von hier, befindet sich die Pforte zum Paradies. Wir sind zu unserem Aufbruchsort zurückgekehrt, dorthin, woher wir am Anfang der Zeiten losgewandert sind. Währenddessen aber wurde die Welt gänzlich verdorben. Vielleicht werden die beiden die Welt neu beginnen und einen andren Gott erschaffen.“

Sahag blickte in die Dunkelheit, wo nebeneinander die Körper des Mannes und seiner Frau noch einmal vor seinen Augen aufleuchteten, um dann gänzlich zu verlöschen. Und plötzlich streifte ein frischer und säuselnder Windhauch die Stirn des Jungen. Als hätte sich das Sandreich vor den beiden geöffnet, um aus der Erde, dem Auge ein Wohlgefallen, die verschiedensten Fruchtbäume hervorsprießen zu lassen. Die zwei Arme eines viel größeren Stromes flossen vor ihnen zusammen: es war der Tigris und der Euphrat. Der Mann aber, vorwärtsschreitend im Garten, der getränkt wurde von diesen Gewässern, verließ seine Sippe und verließ Vater und Mutter und hing seinem Weib an und sie wurden ein Fleisch.

Hier aber, im Reiche der Menschen, wo die Züge der Deportierten, jedes Mal aus einigen hundert Menschen bestehend, gen Suvar oder auf dem Wege nach Damaskus auf die in Exekutionslager verwandelten Hochebenen geführt wurden, kamen andere Menschentrosse aus westlicher Richtung nach, um zum letzten Kreis des Todes hinabzusteigen. In diesem Juli des Jahres 1916 zerstreuten sich Menschenmengen, versammelten sich andre, doch das Lager von Deir-ez-Zor blieb trotz dieses Kommens und Gehens unverändert und wie unbeweglich. Die Landstriche der Umgebung waren mit Knochen übersät. Die letzte Grenze war überschritten worden. Die Lebenden boten sich den Toten an, wenn sie deren Beerdigung zu ihrer einzigen und letzten Beschäftigung machten. Und die Toten boten sich den Lebenden an, wenn sie diesen in den frostigen Nächten wie Kleidungsstücke Wärme spendeten und wenn sie den vor Hunger wahnsinnig gewordenen als Kommunionsbrot dienten.

Mit verstörtem Blick betrachtete Hermine ihr Kind. Die Glut des Sommers, welche den Körpern die Feuchtigkeit entzog, dank derer die nährenden Salze gebunden wurden, begann die Menschen zu töten, indem sie sie austrocknete. Die Lebenden und die Toten, die sich durch ihre Unbeweglichkeit und die Zuckungen, die sie dann und wann überkamen, ähnlich geworden waren, glichen sich allmählich auch aufgrund der dunklen Farbe ihrer vertrockneten Wangen.

Nach dem Rhythmus zu urteilen, in dem die Exekutionen aufeinander folgten, würde sich das Konzentrationslager im Herbst desselben Jahres aufgelöst haben. Doch auch ohne die Massenhinrichtungen hätte unter den in Deir-ez-Zor herrschenden Haftbedingungen niemand bis zum Winter überleben können. In jenem Sommer waren vor allem die Kinder gestorben. Viele waren unbegraben zwischen den Zelten geblieben: leere Gerippe, zusammengekrümmt und schwarz. Mit Ungeduld und ohne genau zu wissen, was sie erhoffte, wartete Hermine darauf, dass sie einer der abziehenden Scharen zugewiesen würden. Aus ganzer Seele wünschte sie, diesen Ort zu verlassen. Mit unbeweglichen, weit aufgerissenen Augen flüsterte das Mädchen ab und zu: „Ich habe Hunger!“. Als sein Stöhnen, weinerlich, wenn es ausatmete, pfeifend, wenn es einatmete, nicht mehr aufhören wollte, machte sich Hermine zwischen den Zelten auf die Suche nach Essbarem. Nach einer Stunde kehrte sie mit leeren Händen zurück. „Sie haben dir nichts gegeben, nicht wahr?“ fragte das Mädchen mit schwacher Stimme. Die Mutter schüttelte verneinend den Kopf und ihr Blick war leer. „Auch du sollst ihnen später nichts von mir geben . . .“, lächelte das Kind betrübt. Hermine fuhr sich mit der Hand über den Mund und vergaß vor Entsetzen sogar den Jungen wegzujagen, als dieser sich ihr näherte, um sie zu streicheln. Ungewöhnlich waren die Blicke, mit denen sie ihn betrachtete, während sie sein Handgelenk ergriff. „Komm!“, rief sie mit veränderter Stimme. Sie zog ihn aus dem Zelt zum Rand des Lagers, stromaufwärts, dorthin, wohin die Araber ihre Tiere zur Tränke führten. Sie war am Ufer des Stromes aufrecht neben ihrem Sohn stehen geblieben und betete, dass, was zu geschehen hatte, schnell geschehe.

Der Araber, der sich näherte, betrachtete sie ohne Mitleid doch neugierig. Vor allem den Jungen. Und obgleich Hermine und ihr Sohn türkisch redeten, hätten sie sich leicht in der gemeinsamen Sprache verständigen können, die Mohammed den Ländern seiner Religion vermacht hatte. Doch war das nicht nötig. Alle Beteiligten wussten, worum es sich handelte. Diese Geschichte hatte sich tausende Male auf dieselbe Weise auf dem Weg der Deportationszüge oder am Rande der Lager abgespielt. Und damit kein Missverständnis aufkommen möge, ließ Hermine Sahags Hand los, ohne dabei die ihrige von seiner Schulter zu nehmen, denn er hätte Reißaus nehmen und ins Lager zurücklaufen können. Sie stieß ihn einen Schritt vorwärts. Trotz seiner Schwäche schien Sahag von Krankheiten unberührt geblieben zu sein. Statt einer Einverständniserklärung holte der Araber einen Beutel Mehl hervor und überreichte diesen der Frau. Sie streckte beide Hände danach aus, so dass Sahag, der sich aus der Umklammerung befreit fühlte, die Flucht ergreifen wollte. Doch der Araber fasste ihn an Taille und Genick und warf ihn wie einen Sack aufs Pferd. Darauf sprang er hinter ihm in den Sattel und entfernte sich, ein Gejohle ausstoßend, im Galopp. Lange Zeit noch blieb Hermine wie angewurzelt stehen. Sie steckte die Hand in den Beutel und holte eine Handvoll Mehlstaub heraus, den sie sich in den Mund stopfte, um so jeglichen Schrei zu ersticken.

Eine geraume Zeit verbrachte der Junge in einem anders gearteten Zelt: es war viel größer als das der Mutter, mit Teppichen ausgelegt und an den Zeltwänden mit unverständlichen Schriftzeichen versehen. Und darin wohnten Menschen, die in einer harschen, heiseren Sprache redeten, ihn mit Gleichgültigkeit betrachteten, aber ihm der Reihe nach Speisen auftrugen, den Schweiß von der Stirn wischten und die Laken wechselten. Als er kräftig genug war, um zu reisen, setzten sie ihn auf ein Pferd und zogen fort in die trockenen Gegenden. Und wenn sie nicht gerade den Karawanen auflauerten, waren sie dort nur damit beschäftigt, nachts die vom Kamelfett zischenden Feuerstellen zu hüten und tagsüber Wasserquellen zu suchen. Sahag erinnerte sich aus dieser Zeit nur an den klagenden Singsang der Gebete der Männer und an das weiße Gewand, das er von ihnen bekommen hatte. Sein beschnittenes Glied, das heftig schmerzte, hinterließ darauf Blutspuren. Er aber verstand nicht, warum dieser neue und männliche Schmerz auf den Gesichtern der andren Lächeln und Zufriedenheit hervorrief. Er bekam, ohne dass ihn jemand nach dem alten gefragt hätte, zusammen mit dem weißen und blutbefleckten Gewand einen neuen Namen: Jusuf. Dies aber sollte ihm noch von Nutzen sein: als sie ihn nämlich später suchten und dabei bis nach Urfa und Diyarbakir hinaufgingen, fanden sie ihn nicht, denn sie wussten nicht, nach wem sie zu fragen hatten.

Jusuf wurde ein geschickter junger Mann. Er lernte es, die Kamele am Halfter zu führen und sie bei der Tränke zu bewachen. Er verstand sich bald auch auf die Kunst, ein Pferd zu reiten, gewöhnte sich an die trockene Nahrung und erlernte im Angesicht der sandigen Weiten die Geduld. Er bekam Männerkleider, hatte sein eigenes Pferd, das einzige Wesen, mit dem er noch armenisch sprechen konnte, und verbeugte sich, zusammen mit den andren, beim Auf- und Untergang der Sonne gen Mittag, um etwas, das wie ein Gebet klang, vor sich hinzumurmeln. Er hätte ein guter Reiter der Wüste bleiben können mit seinem bereits in den Kreisen des Todes gestählten Körper, den langen Wimpern, die die Augen vor dem Sand schützten, dem wettergebräunten Gesicht, das dem Sturm trotze, und mit dem schwarzen Kraushaar, das ein guter Schutz war vor der sengenden Hitze. Dass er nicht arabisch konnte, war ein Vorteil. Niemand belästigte ihn mit Fragen und über sich selbst musste er nicht erzählen. Und er musste auch einen Propheten nicht anflehen, der sich ihm schrecklich, indem er ihm eine blutige Wunde schlug, offenbart hatte; bei sich aber bewahrte er den andren, der sich ihm aus den eigenen Wunden blutend offenbarte.

Er hätte ein guter Reiter dieser Weiten werden können und eines Tages der Anführer seines Stammes. Im Winter wäre er gen die Küsten des Roten Meeres hinabgestiegen, bis in die Nähe von Medina und, zumindest einmal im Leben, bis nach Mekka, und dann hätte er über Jerusalem und Damaskus bis zu den Orten, die ihm so vertraut waren und noch weiter hinauf, den Bergen entgegen, nach Ras-ul-Ain und Mosul kommen können. Jusuf aber blieb eigenbrötlerisch und die andren, zufrieden, dass er ein anstelliger Junge war, ließen ihn in Ruhe und störten die unverständlichen Zwiegespräche nicht, die er mit seinem Pferde führte.

Jusuf lebte dieses Leben mit betäubter Seele. Unversehens aber, so wie es immer geschieht, wenn die Fragen nicht präzise formuliert sind, sollte er aufgerüttelt werden. Sie hatten Mosul erreicht. Es war ein guter Tag gewesen. Sie hatten Ziegenkäse und Kamelfelle verkauft. Im Zelt war es warm und still, es roch nach Bratspießen. Bevor sie sich auf die um das Feuer verteilten Kissen niederließen, zählten sie die Goldmünzen, die sie dann in Beutel füllten. Daraufhin bewunderten die Frauen die mitgebrachten Geschenke: den Bernstein, die feinen Stoffe, das Geschmeide. Das schönste Schmuckstück aber hielt der Herr des Zeltes in der Faust verschlossen und schenkte es, wie ein Zauberer die Finger öffnend, der jüngsten seiner Frauen. Diese hängte es sich um den Hals, verrenkte sich glücklich, und vom schrillen Ton der Zurna und dem Rhythmus der mit Glöckchen behängten Trommeln begleitet, begann sie um das Feuer herum einen Tanz. Das Feuer warf Funken und zischte auf von den hineinfallenden Tropfen Kamelfetts, die Gesichter leuchteten und verlängerten sich in den Flammen, der Rhythmus der Trommeln verband sich mit dem Klatschen der Hände und die Frau drehte sich, beflügelt von ihrer Jugend und der Freude über das erhaltene Geschmeide. Jusuf bekam es zu Gesicht, als sie sich in den Hüften wiegend und die Brüste schüttelnd nun ihm gegenüber tanzte: der Talisman, der an einem Goldkettchen hing, und mit Stolz allen zur Bewunderung hingehalten wurde – der Junge erinnerte sich desselben begleitet von der schüchternen Gebärde seiner Mutter, die ihn unter ihren Kleidern versteckt gehalten hatte. Niemand achtete auf ihn, als er sich aus dem Zelt schlich. Das einzige, was er in seinem aufgewühlten Zustand tun konnte, war, wie toll geworden loszurennen. Er lief und wusste selbst nicht, vor wem er davonlief, und lief so lange, bis er außer Atem in die Knie sank. Und da er das Bedürfnis hatte, aus seinem eigenen Körper auszubrechen, sich aus ihm herauszureißen, begann er zu schreien. Er setzte sich in den Sand und, sich hin und her wiegend, schrie er so lange, bis seine Kräfte erschöpft waren. Als der letzte Schrei verklungen war, um dem Stöhnen von Deir-ez-Zor Platz zu machen, dem trockenen Weinen, da starb Jusuf. Eine unglückliche Kreatur war er gewesen, fremd und schweigsam, zwischen Orten umherirrend, die er nicht kannte, und zwischen Göttern, an die er nicht glaubte. Geboren aus vergossenem Blut, getötet im Schrei. Und nicht wie es geschieht, wenn ein Körper den andren tötet, das heißt ihn von außen nach innen durchbohrend – nein, Jusuf starb durchbohrt von innen nach außen vom Körper, dem er sich hinzugefügt hatte wie ein weißes und blutbeflecktes Gewand.

Ohne das neu bekommene Kleidungsstück, ohne Jusuf, der wie ein unbrauchbar gewordenes Hemd zu seinen Füßen niedergefallen war, kehrte Sahag zwischen die Zelte zurück. Diesmal war er kein Sohn des Stammes mehr und deshalb schlich er sich vorsichtig heran, verbarg sich im Dunklen, mied die Feuerstellen und wich den Zeltöffnungen aus. Er begab sich zum Verhau, in dem die Tiere untergebracht waren, und zog sein Pferd am Halfter leise heraus. Im Sand waren ihre Schritte unhörbar; das Pferd aber folgte ihm, ohne eine Veränderung zu bemerken, gehorsam und seiner Witterung, die ihn erkannte, vertrauend, denn für das Tier hatte Jusuf nie existiert. Und als schließlich das Galoppieren zu vernehmen war, befanden sich Ross und Reiter schon in weiter Ferne.

Er schlug den Weg nach Westen ein, eine Reiseroute wählend, die jener der Deportationszüge entgegengesetzt war, nur dass die Rückkehr durch die Kreise des Todes, vom Totensonntag zu den Ostern der Auferstehung, nicht zugleich auch eine Rückkehr in der Zeit war. Nein, im Gegenteil! Die Stufen, eine nach der andren, aus der Tiefe, in die er wie in einen Brunnen gefallen war, hochsteigend, fand er nichts weiter als die Spuren der Verschleppten: Überlebende, die am Wegesrand bettelten. Neue und entsetzliche Namen der Schluchten, in deren Geröll Knochen zermalmt wurden. Kinder seines Volkes: in Salwars gekleidet und mit Jusufen, die in ihrer Brust wie in Nistplätzen heranwuchsen. Da sagte er sich, dass der Araber ohne Schuld sei. Jener nämlich, der das Kettchen vom Halse seiner Mutter gerissen hatte, war andernorts zu suchen und er, Sahag, müsse einen zu gewaltigen Krieg führen, um ihn zu finden. Er würde vielleicht alle töten müssen, die wie dieser gewesen waren, um sichergehen zu können, dass der Mörder seiner Mutter der wohlverdienten Strafe nicht entginge. Der Araber hatte sich folglich als sein Wohltäter erwiesen und es war nicht seine Schuld gewesen, dass in diesen Zeiten Menschen so billig geworden waren, dass er das Leben des Jungen gegen einen Beutel Mehl hatte aufwiegen können.

In Ras-ul-Ain traf Sahag wieder auf die Eisenbahngleise. Zwei Jahre zuvor hatte er sie in Mamura verlassen, als er bei der schlechten Luft und dem wenigen Wasser mit aufgedunsenem und rotem Gesicht aus einem Viehwagon gestiegen war. Hier verkaufte er sein Pferd und fuhr einen Tag und eine Nacht lang, in der Ecke eines Wagons zusammengekauert, bis nach Izmid. Bei der Ankunft fand er kein Zeichen, das ihm den Weg gewiesen hätte. Deshalb benutzte er zunächst die Züge und Schiffe, die ihn gen Westen brachten, bis nach Bazargic und Silistra.

So lange er aber floh, ließen ihn die Erinnerungen in Ruhe. Als er sich schließlich in Silistra niederließ, trat er als Lehrling bei einem Kaufmann ein und öffnete nachher seinen eigenen Laden. Später wollte er heiraten und vergeudete, weil er die geeignete Frau nicht sogleich fand, seine Zeit mit den Mädchen im Hafen. Der Burnus des Beduinen aber, den er einst wie eine Schärpe hatte fallen lassen, beseelte sich, begann wie eine Schlange zu zischen und machte sich auf den Spuren Sahags hinter diesem her. Und eines Abends sah er Jusufs Gesicht zwischen den Gaslampen im Spiegel eines Fensterglases aufleuchten. Mit Entsetzen betrachtete er diesen, wie er im Lärm der Trommeln und Zurnas tanzte, sich das weiße Gewand des Wüstenbewohners vom Leibe riss, wie er umherspringend, mit wildem Blick, sein Glied in der Hand hielt und rieb und keuchend zwischen den Fingern nicht Samen, sondern Blut verspritzte. Sahag wusste nicht, wie er diese Vision, die ihn mit der hässlichen Samenflüssigkeit befleckte, verscheuchen sollte. In seiner Verzweiflung ergriff er deshalb ein Werkzeug und zerschlug damit das Fenster. Da lachte Jusuf gellend auf, sein Gesicht zersprang, vermehrte sich und wurde zu tausend andren Gesichtern und sie verstreuten sich in der Kammer. Als er wieder zu sich gekommen war, betrachtete Sahag sich selbst, wie er dasaß mit verwildertem Gesicht, in Unordnung geratenen Kleidern und seinem Glied, das er steif und verstümmelt in der Hand hielt. Er begriff, dass Jusuf wieder in ihn eingetreten war und dass er gegen dies überdeutlich leuchtende Gesicht mit zerschlagenen Fensterscheiben und verhangenen Spiegeln nicht ankämpfen konnte.

Sahag und Jusuf hassten sich und wussten doch, dass sie einer ohne den anderen nicht leben könnten. Zu den Verbeugungen vor einem andren Erlöser und den durch und durch frommen Geboten von dessen Religion gezwungen, litt Jusuf jetzt noch viel schrecklicher unter den Qualen, denen früher Sahag ausgesetzt gewesen war. Doch rächte er sich an diesem ihm fremden Volk in der einzigen Weise, die ihm vergönnt blieb, das heißt durch das Glied, dem das Zeichen seiner Geburt aufgeprägt war: er vergiftete dessen Samen. An diesen Samen gebunden, der für immer unfruchtbar geblieben war, und der mit den Jahren geringer und immer seltener wurde, verminderte sich allmählich auch Jusuf. In meiner Kindheit war Sahag Scheitanjan ein alter Mann. Deshalb habe ich Jusuf nie kennengelernt.

In zwei gespalten, daran gewöhnt, dass jede seiner Hälften die andre belauern und hassen würde, wartete Sahag darauf, dass der andre, Jusuf, einschlafe, damit er auf ihn einschlagen könne. Doch schlief er fatalerweise mit ihm gemeinsam ein und trennte sich in Wirklichkeit nicht anders von ihm als im Traum, da die beiden Hälften nicht gleichzeitig träumen konnten. In dem Maße, in dem sich die andre Hälfte verminderte, wuchs Sahags und Armenuhis, seiner Frau, Resignation darüber, dass sie kinderlos geblieben waren. Er aber, in seiner Gewohnheit zu hassen, konnte den angestauten Groll in seiner zerbeulten und halbierten Seele nicht mehr beherbergen und begann deshalb die andren mit seinem Hass zu verfolgen. Zunächst jene, die waren wie Jusuf. Von diesen gab es aber in seiner Umgebung äußerst wenige. Sein unverbrauchter Hass aber knirschte wie die Reißzähne der wilden Tiere, welche zerfleischen müssen, da sie sonst wüchsen, bis sie die eigene Hirnschale durchstießen. Und so schüttete Sahag seinen Hass über die Bolschewiken aus. Die unerwartete Gelegenheit dazu hatte sich ihm nach dem Krieg geboten. Früher war der einzige Kommunist von Focşani ein besoffener Gemüsehändler gewesen, dessen politischer Aktivismus nur darin bestand, am 10. Mai das Herrscherhaus und den König mit stotternd doch laut gebrüllten Kraftwörtern zu verhöhnen. Daraufhin hatte ihn die Obrigkeit, klüger geworden, schon in der Herrgottsfrühe, noch schlummernd von dem in der Nacht angetrunkenen Taumel und demnach wortkarg, verhaften lassen. Nach dem Krieg aber sollte sich die Stadt mit Kommunisten füllen und Sahag beschimpfte sie gewöhnlich als Betrüger großen Stils und als Wegelagerer. Die Kommunisten zahlten ihm die Zuneigung, die er ihnen entgegenbrachte, mit der gewohnten Großzügigkeit heim: sie plünderten sein Geschäft und später, als es nichts mehr zu holen gab, konfiszierten sie ihm auch den Laden. Sahag freute sich jedes Mal: „Nehmt nur!“, schrie er und schlenkerte mit den Armen und hüpfte auf einem Bein, „Plündert!“, und er warf ihnen die leeren Kakaoschachteln Van Houten hinterher, „Diese hier habt ihr vergessen!“, oder die Säcke mit Kaffeebohnen, die sich auf dem Gehsteig wie Käfer verstreuten.

Er war es gewesen, der die Idee gehabt hatte, das Telefunken-Radio in der Familienkrypta der Seferians zu installieren und er ging nachts alleine auf den Friedhof, um Freies Radio Europa zu hören. Im Sommer des Jahres 1958 begleitete er mit gierigen Blicken die Bataillons der Roten Armee, die auf dem Weg Richtung Tecuci endlich abzogen. Später saß er stundenlang wie gebannt vor dem tellergroßen Fernseher von Frau Maria, die auf der unserem Haus gegenüberliegenden Straßenseite wohnte, um die Direktübertragung der Beerdigung von Gheorghe Gheorghiu-Dej zu verfolgen. Keine Einzelheit entging ihm, während er Sonnenblumenkerne kaute, Bier trank und wie im Fußballstadion johlte. „Den haben die Russen verstrahlt,“ sagte er, diesmal ohne einen Schimmer des Vorwurfs gegen sie. „Die haben ihm die Gelbsucht verpasst!“

Und Sahag Scheitanjan war auch der erste gewesen, den die Leidenschaft für Landkarten ergriff. Aus den Orten ihrer Kindheit herausgerissen, waren die alten Armenier geflüchtet, waren emigriert, hatten Wüsten, Kontinente, Meere und Ozeane überquert, aber gereist waren sie niemals wirklich. Die Wanderung über die Erde war Teil ihres traurigen Schicksals, nicht aber ihrer Neugierde oder gar ihres Vergnügens gewesen. Deshalb waren sie wie Bücherskorpione Reisende auf papierenen Weiten.

Die kartographierten Bögen bedeuteten einen Einschnitt in die reale Welt: sie eröffneten eine neue Dimension. Auf diesen Karten nahmen die Kriege immer ein andres Ende als in Wirklichkeit, die Fedayin aus den Bergen zerschlugen die Armeen, den Gefangenen gelang die Flucht aus den Deportationslagern und die Krieger entkamen aus den Umzingelungen. Die Amerikaner landeten auf dem Balkan, die englischen Fallschirmjäger breiteten sich über dem Himmel aus, die Russen zogen sich in die Tiefen Sibiriens zurück. Und selbstverständlich dehnte sich Armenien genauso wie in den Zeiten von Tigran dem Großen im letzten Jahrhundert vor Christus vom Kaukasus bis nach Tyros und Sidon, von Anatolien bis hin zum Urmiasee aus. Die Welt war eine Überlagerung von Landkarten, mit Pfeilen markiert, welche Landungen bezeichneten, Befreiungen, Vertreibungen, Retrozessionen, Ansporn und Triumpf. Von allen Karten war die bedeutungsloseste und deshalb die am wenigsten beachtete die zuunterst liegende, die auf dem Gras ausgebreitete, also die Wirklichkeit selbst.

Auf seinen Karten wurden gerade aus diesem Grund andre Verträge geschlossen und die Kriege anders beendet. Der Vertrag von Sèvres war noch immer in Kraft. Die Begegnung von Jalta hatte nie stattgefunden und Stalins Bleistift mit der absichtlich abgestumpften Spitze hatte Europa nicht aufgeteilt. Sahag Scheitanjan und die andren Armenier aus meiner Kindheit waren eher Menschen der Landkarten, als Menschen dieser Erde. Manchmal waren sie so nachlässig, mit Blicken, die so weite Fernen zu ergründen schienen, dass man hätte glauben können, sie würden sich eines Tages in ihre Landkarten einwickeln und von dieser Welt verschwinden.

Im Buch der geflüsterten Worte hat jeder Duft, jede Farbe, jedes Aufflammen des Wahnsinns seinen Magier. Der Führer durch die verschiedenen Reiche, der Magier der Karten, war Micael Noradunghian. Die andren saßen um ihn herum und betrachteten mit großen Augen, wie sich die Kontinente unter seinen Händen in klaren Ordnungen zusammenfügten. Mein Großvater saß weise und schweigsam da und bewies wie die Karten nichts andres, als dass es hinter dem Drunter und Drüber der Zeitgeschehnisse doch einen Sinn gäbe. Anton Merzian hörte auf, Fragen zu stellen und vor den Karten, auf denen Platz war für alle, zankte er sich nicht mehr mit Krikor Minasian. Ştefănucă Ibrăileanu, Măgârdici Ceslov, Agop Aslanian, Vrej Papazian, Ovanez Krikorian und all die andren näherten sich schüchtern und ließen sich führen zu diesem neuen Bethlehem, in dem sich die Erlösung in Form einer Landkarte ankündigte. Sahag Scheitanjans Blicke, überwältigt von diesem Wunder, strahlten. Dies waren die einzigen Augenblicke, in denen er sich im Innersten befreit fühlte und mit Jusuf aussöhnte.