Suddeutsche Zeitung -So leise spricht die Seele nur

  • Sűddeutsche Zeitung. So leise spricht die Seele nur. Das «Buch des Flűsterns » des rumănischen Autors Varujan Vosganian ist eine armenische Saga, die von den erlitten Grausamkeiten und raren Glűcksmomenten eines verfolgten Volkes erzăhlt. (8 oktober 2013)

Von Karl-Markus Gauss

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, eine Art Vorspiel auf den Holocaust, wurde im untergehenden osmanischen Reich an den Armeniern verübt. Diese historische Tatsache ist durch zahllose wissenschaftliche Studien erwiesen, darf aber gerade dort, wo der Massenmord planmäßig verübt wurde, in der Türkei, öffentlich noch immer nicht eingeräumt werden. Eine große armenische Bevölkerungsgruppe gab es auch in Rumänien, wo sich bereits im 19. Jahrhundert, also lange vor der Verfolgung, Händler in Städten wie Craiova und Bukarest niederließen. Als die systematische Verfolgung durch die Jungtürken begann, folgten ihnen Abertausende, und zum Zentrum der armenischen Diaspora wurde Focsani, eine Stadt von rund 75.000 Einwohnern, in der noch heute viele Nachfahren der Armenischen Flűchtlinge von damals leben, die sich inzwischen allerdings zumeist der rumănischen Volksgruppe surechnen und in den demografischen Statistiken nicht mehr als Armenier erscheinen.

Vosganian ist der seltene Fall eines fragwűrdigen Politikers und grossen Autors zugleich

Vosganian stelt den Fall eines fragwűrdigen Politikers dar, der unbestreitbar ein bedeutender Schriftsteller ist; kein populisticher Politiker, den es lockt, unbedingt auch noch als Verfasser von Bűchern zu reűssieren, sondern ein genuiner Autor, ein grossartiger Erzăhler, der in seinem  „Buch des Flűsterns” die Saga seines verfolgten Volkes űber viele Generationen bis in die Gegenwart erzăhlt.

Sein Roman, den Ernest Wichner in ein leuchtendes Deutsch gebracht hat, beginnt als melancolisches Werk der Erinnerung. Der Erzăhler beschwort die Atmosphăre jener frűhen Sechzigerjahre herauf, als in Focsani seine weit verzweigte Familie lebte und der  beschwerliche Alltag noch von spezifisch armenischen Traditionen und Gebrăuchen geprăgt war. Es sind die Gerűche, in dennen der Erwachsenen von heute die Lebensvelt des Kindes von damals bannt, der „Duft von weichem Teig”, den die Grossmutter knetete, der Geruch des Hauses gehăngt wurde”, der Duft der sűssen Frűchte, die zu einem „Opferbrei” vergoren, der „Gerűch der Schlupfwinkel” im Haus, im dem etwas von den Geheimnissen der Familiengeschichte aufbewahrt wird.

Die grossen Portalfiguren im Leben des Erzăhlers sind die beiden Grossvăter, Garabet Vosganian, auf der văterrlichen Seite, Setreak Melichian von der műtterlichen aus Persian stammenden Linie. Verschieden wie diese Grossvăter sind, ein bedăchtiger, nie aus der Ruhe zu Bringender Geschichtenerzăhler und Fotograf der eine, ein gewitzer, mehrfach zu Wohlstand gekommener, in Armut gestossener, gesellschaftlich anner konnten, dann wieder geăchteter Mann der andere, haben sie beide dem jungen Varujan vermittelt, was es heisst, Armenier zu sein: „Meine Grossvăter Garabet und Setrak haben aus ihrem Jahrhundert nur verstanden, wie schwer es ist, in der gleichen Erde zu sterben , aus der man geboren wurde. Die alten Armenler meiner Kindheit hatter keine Grăber, an deren Kopfenden aie hătten sitzen und ihre Eltern beweinnen konnen.”

Die idylle der Kindheit, mit der Roman anhebt, wird bald gebrochen, denn was dem Kind dank dieser beiden Grossvăter bewusst wird, ist zweierlei: Erstens, dass die Armenier so viel Unrecht zu erdulden hatten, dass die Uberlebenden bis ans Ende ihrer Tage and der Schuld litten, űberlebt zu haben; und dass zweitens kaum einer dort sein Ende fand, wo sein Leben begann, und sie alle nicht wissen, wo ihre Vorfahren, Geschwister, Freunde gestorben sind.

 

Der Roman, ein Werk der Gegen – Geschichtsschreibung, schlăgt einen weiten Bogen

 

In schauerlichen Pasagen referiert Vosganian die verschiedenen Wellen der Verfolgung, der die Armenier als Individuen und als Volk ausgesetzt waren. Lange Abschnitte seines Romans hat er der unfassbaren Grăueltaten gewidmet, als ganze Dorfer und Sippen ausgeloscht, massacriert, auf den Fussmarsch űber Tausende Kilometer getrieben, von Tűrkischen Militărs niedergeschossen, von kurdischen Banden ausgeplűndert wurden; jene, die den monatelangen Hungermarsch dűrch Anatolien űberlebten, starben in russischen oder syrischen Lagern dahin. Auch in der nationalistisch gefărbten Ara des rumănischen Stalinismus haben die Armenier Schlimmes durchmachen műssen, wurden si doch als burgeoise Besitzer oder auslăndische Agenten geăchtet, in Straflager gesteckt, zur Assimilation genotigt.

Vosganian verschweigt auch nicht, dass sich gerade im sowjetischen Machtbereich allzu viele armenische Kollaborateure fanden, die an der Verfolgung der igenen Landsleute mitwirkten. Und er erzăhlt eine Geschichte, die nahezu unbekannt geblieben ist, dass sich nămlich nach 1918 armenische Geheimkommandos bildeten, um Rache an den schlimmsten tűrkischen Modern zu nehmen. Unvergesslich, wie Vosganian eine Szene im Berlin der Zwanzigerjahre entwirft, als ein armenischer Terrorist auf der Strasse zufăllig einen tűrkischen Schlăchter erkennt, ihn stellt, den Mann fragt, ob es sich bei ihm tatsachlich um jenen berűhmten tűrkischen General handle, und auf dessen Gegenfrage, warum er das wissen wolle, antwortet, dass er nicht den falschen erschiessen mochte. Und daraufhin an der Ecke von Kurfűrsterdamm und Bleibtreustrasse den Richtigen erschiesst.

Das „Buch des Flűsterns” ist eine armenische Saga, die eine űberwăltigen Fűlle an Charakteren aufbietet, vo dennen die meisten ein grausames Schiksal erlitten, und unvergessliche Szenen voller Grausamkeit, aber auch solche voll warmherzigen Humors entfaltet. Was es mit dem Flűstern des Titels auf sich hat? Die Opfer der Verfolgung wagten űber das, was ihnen wiederfuhr, jahrzehntelang nur zu flűstern, wăhrend sich die Morder ungestraft ihrer Taten brűsteten; das Kind nimmt im Flűstern der Erwachsenen die wahre Geschichte des eigenen Volkes wahr.

So ist „Das Buch des Flűsterns” eine „Sammlung von Psalmen, denn es erzăhlt von den Besiegten.” Aber das Flűstern kann auch „andere Berdeutungen haben, etwa Zărtlichkeit.” In dem weit gespannten Bogen, den er schlăgt, ist dieser Roman ein literarisches Werk erster Gűte, eine Art von Gegen – Geschichtsschreibung, in der nicht nur die grausamen Fakten aufgerollt, sondern auch die Trăume, die Illusionen, die glűcklichen Momente derer aufgehoben sind, die dem grossen Schalchten entkamen und, versehrt in der Seele, weiterlebten.